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Erinnerung und Gedächtnis und die Rolle der Social Media

Vor kurzem kam über TWitter die Nachricht, dass google videos (zunächst als Konkurrenz zu Youtube gestartet, mittlerweile zur Videosuchmaschine umgebaut) gehostetes Bildmaterial löschen wird. „Ab dem 29. April 2011 werden bei google gehostete Videos nicht mehr abgespielt werden können. http://ow.ly/4GWI8

In diesem Zusammenhang ein paar Gedanken zum Thema „digitales Gedächtnis“ . Zunächst ein paar grundlegende Gedanken zum Thema „Gedächtnis“ und Erinnerungskultur: Maurice Halbwachs schreibt dazu: „Meistens erinnere ich mich, weil die anderen mich dazu antreiben, weil ihr Gedächtnis dem meinen zu Hilfe kommt, weil meines sich auf ihres stützt“ (Halbwachs, Erinnerung und Gesellschaft, 20).

Es ist wichtig klarzustellen, dass der Begriff Gedächtnis nicht im neurobiologischen Sinne (Gehirnfunktionen und –kapazitäten) zu verstehen ist, sondern – wie eingangs mit Halbwachs’ Worten bereits angedeutet – im kultur- und medienwissenschaftlichen Sinne als ein durch soziale Interaktion bedingtes Phänomen. Dass nun das Gedächtnis ein Aspekt der Sozialität ist, machen auch Jan und Aleida Assmann direkt zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Ausarbeitung Das Gestern im Heute mit folgender These deutlich: „Das Gedächtnis entsteht nicht nur in, sondern vor allem zwischen den Menschen“. Die Social Media sind mit Sicherheit ein Aspekt der Asmannschen Sozialität und damit ein Gedächtnisprägendes bzw. generierendes Element.

Auch das Verständnis von Kultur als Voraussetzung für das Zustandekommen von Gedächtnis, schließt die Social Media mit ein. Die Assmanns formulieren folgenden Satz:  „Kultur wird in diesem Sinne verstanden als der historisch veränderliche Zusammenhang von Kommunikation, Gedächtnis und Medien.“ Demnach erfüllt Kultur wiederum zwei Aufgaben in unterschiedlichen zeitlichen Dimensionen. Um Wissen speichern zu können setzt Kultur zum einen voraus, dass ihre Akteure einen „gemeinsamen Lebenshorizont“ haben, also in einer zeitlich synchronen Ordnung leben . Die andere Aufgabe der Kultur ist es, dem Akteur den Eintritt in eine diachrone zeitliche Einordnung mittels des reproduzierenden Gedächtnisses zu ermöglichen. Sowohl die Asmmanns als auch Halbwachs verstehen dieses „kulturelle Gedächtnis“ nicht als einen Speicher der Vergangenheit, sondern als einen Ort der Neu- und Rekonstruktion von Erinnerungen in Anpassung an wechselnde Bezugsrahmen (kontextuelle Bedingungen sozialer Natur: z.B. die wahrscheinlich unterschiedlichen Erinnerungen an den Mauerfall von Ost- und Westdeutschen). Demnach ist das kulturelle Gedächtnis ein instabiles, nicht-vererbbares Gebilde das sich aufgrund seiner Sozialität Veränderungen nicht entziehen kann. Erinnerung und Erinnerungskulturen (und damit auch Geschichten und Geschichtsschreibung) sind veränderbar. Es geht um die Frage, wie brechen die Social Media in Erinnerungsprozesse ein und / oder verändern sie?

Die Whistleblower und Grassrooter hinterlegen im Netz eigene (ungefliterte) Versionen der Wahrheit. Publizierte „Wahrheiten“ können auf  Erinnerungsstrukturen und Gedächtnisbildung zugreifen.

Die Netz-Revolution und die Informationen darüber sind bruchstückhaft und oftmals keinen Quellen zuzuordenen. Die Nachrichtenformate verwenden in letzter Zeit im häufiger Formulierungen wie: „Diese Videos wurden heute ins Netz gestellt… und zeigen angebliche Unruhen / Demonstrationen“. Die Informationen über die Ereignisse der vergangen Tage sind meist unvollständig und durch Medien generiert: „Eine… Rekonstruktion der Vergangenheit kann immer nur näherungsweise geschehen. Sie wird um so mehr sein, je mehr wir geschriebene oder mündliche Zeugnisse besitzen…. Aber es handelt sich in jedem Falle nur um eine Rekonstruktion“. Diese Rekonstruktion der Vergangenheit ist nicht länger Sache der Gatekeeper, sondern wird von den BEwegungen selbst vorangetrieben / umgeschrieben / umgedeutet / iwderlegt und bestätigt.  Die vergangen Ereignisse und das was wir darüber wiseen ist demnach ein artifiziell gefertigtes Erinnerungs-Mosaik, dass aufgrund seiner Unvollständigkeit Risse offenbart die zusätzlich ergänzt und geschlossen werden müssen. Die Social Media stellen dabei nicht nur den aktuellen Bezugsrahmen her, der die Erinnerung erst möglich macht, sie beinhalten zudem eine Vielzahl von Symbolen und Zeichen (in Form von Bild-, Text- und Tonmaterial), dass den Riss zwischen der „vagen [generierten] Erinnerung“ und den real erlebten Eindrücken in der Konfrontation mit dem Material sowohl schließt als auch vergrößert. Der Zusammenschluss zwischen der „vagen Erinnerung“ (Assmanns sprechen hier synonym vom „Funktionsgedächtnis“) und den latenten Eindrücken der Vergangenheit („Speichergedächtnis“) wird durch das Bildmaterial erst möglich. Der Kontext in den dieses Material eingearbeitet ist, nämlich dieSocial Media, Kann den Zuschauer von seinen eigenen Erinnerungen entfremden: Die Informationsvielfalt über die Lage in den Nordafrikanischen Staaten ist widersprüchlich. Eigentlich ist eine BErichterstattung wenig sinnvoll, denn Informationen sind zu oft richtig einzuordnen. Der Zuschauer ist mehr denn je dazu aufgefordert sich sein Bild selbst zu vervollständigen: Auch hier spielen die Social Media eine maßgebende Rolle. Das Wissen welches der „Zuschauer“ / „Nutzer“ zu haben meint wird ständig von „Gegenwissen“ in Frage gestellt.

 

 

 

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