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Improvisiertes Playwriting (Etherpad Writing Session)

eine Idee ins unreine Pad geschrieben:

Ich denke seit einiger Zeit über „Texties“ (Movies+Text) nach: Texte bzw.  Stücke kollaborativ und improvisiert geschrieben. Das Ziel: ein dynamischer Text, der sich im Prozess entwickelt und vollkommen improvisiert zustande kommt – nur ein Anfang mit einem unbekannten Ende.

Texties: Sind eine Art kreativen Schreibens, die uns erst das Web 2.0 eröffnet. Im nächsten Jahr wird daraus ein Playwright Wochenseminar werden, dass im Bereich der politischen Bildung verankert sein wird.

Ich habe also mit Flo telefoniert. Wir haben uns zu einer Impro-Online-Writing-Session verabredet. Treffen: Im Etherpad. Die  Session haben wir getrennt voneinander vorbereitet. Jeder von uns kam mit einem eigenen Charakter ins Pad. Als Vorgabe war lediglich der „Spielraum“ (Die Bühne) von uns gestaltet worden. Wir wußten beide nicht in welche Richtung sich das „Bühnenspiel“ entwickeln würde. Unsere Charaktere haben sich erst während des Spiels kennengelernt. Hier ein kurzer Auszug aus der Session.

Flo als Tabakov

Anselm als Fried

SZENE aus der ersten Session mit Anselm und Flo

Das Publikum schaut durch ein überdimensionales Fenster in eine Kleine Küche. Rechts und links vom Fenster riesige, helle Vorhänge. Eine Tür links. Links eine Küchenzeile. Auf der Spüle zwei benutzte Müslischüsseln. Im Vordergrund ein kleiner Tisch, daran stehen zwei Stühle.

  1. Szene

Man hört Schritte. Durch die Tür treten zwei Männer: Fried und Tabakov, beide Mitte 30, gut gekleidet (Hemd, Hose). Tabakov wirkt verschlafen, seine Haare sind ungekämmt, sein Blick ist unruhig. Fried trägt einen schwarzen Gitarrenkoffer in der Linken.

Fried:             [im Plauderton] …vom Hören Sagen. Mensch Tabakov, wer da letztendlich was gesagt hat ist doch völlig egal. Ich hab’s gehört – das reicht. [kurze Pause] Ich heiße übrigens Fried. [er reicht Tabakov die Hand]

[Tabakov nimmt die Hand schüttelt sie geistesabwesend. Fried schließt die Tür, stellt den Gitarrenkoffer an die Wand]

Tabakov:       Nein, das glaube ich nicht… nein Fried, das… [er schüttelt den Kopf, lehnt sich erschöpft gegen den Türrahmen] es ist immer wichtig zu wissen wer was gesagt hat… so funktioniert das eben. Stimmen aus dem Off sind mir nie geheuer gewesen.

Fried:             Du hast noch gar nichts gehört… Nichts, verstehst du. [er hat inzwischen die Müslischüsseln ausgewaschen, auf den Tisch gestellt, mit Haferflocken gefüllt. Er reicht Tabakov einen Löffel, deutet mit seinem auf einen der Stühle am Tisch] Setz dich. Komm, lass uns erstmal was essen.

Tabakov:       [er setzt sich widerstrebend und umständlich, nimmt den Löffel, fängt an zu essen] Ich hab’ keinen Hunger Fried.

Fried:             [mit vollem Mund] Nein, hast du nicht. Iss’ trotzdem!

Tabakov:       [er isst gehorsam weiter] Es isst nur so…!

Fried:             [er fährt Tabakov energisch dazwischen]… Ich esse auch nur so. Meinst du ich warte auf den Hunger? Soviel Hunger kann einer gar nicht haben, dass er Haferflocken isst. Ich hasse das Zeug! Ernsthaft es ist eklig, schleimig – zum kotzen eben. Da warte ich doch nicht bis ich es essen muss, weil ich Hunger habe. Ich esse es jetzt, denn jetzt kann ich wenigstens über den Zeitpunkt entscheiden, wann ich es esse. Später wenn ich Hunger habe, geht’s nicht mehr, dann muss ich.

Tabakov:       [er ist sich nicht sicher] Ja, nur… nein, du hast recht… so ist es besser. Es isst besser so…

Fried:             So ist es…

[Sie essen zufrieden, durch das offene Fenster sind Geräusche zu hören, es unterhalten sich Menschen. Fried fährt plötzlich hoch sein Stuhl kippt nach hinten. Er springt zum Fenster, reißt es auf und schaut hinaus, dann dreht er sich um, winkt den erschrockenen Tabakov ungeduldig zu sich]

Fried:             Komm her. Komm schnell! Da sieh… da drüben.

Tabakov:                   [Tabakov stellt sich neben Fried, starrt angestrengt ins Publikum] ich seh’ nichts! Da ist nichts, oder? Da sitzt ein Hund und neben dem Hund ein alter Mann. Ein Sandkasten… Ein Mülleimer… ein Fahrrad… [er lässt den Blick schweifen, weist in eine unbestimmte Richtung] die da drüben unterhalten sich.

Fried:             Mensch Tabakov, bist du nicht mehr ganz dicht? Warum unterhalten die sich wohl?

Tabakov:       Ich weiß nicht… vielleicht über was ganz anderes.  Wer weiß es… ist es denn nicht egal worüber sie sich unterhalten? [er will sich abwenden, Fried greift ihm in den Arm, hält ihn zurück]

Fried:              [er flüstert] Über dich Tabakov, sie unterhalten sich über dich, sie denken über dich nach, sie stellen Mutmaßungen an, wollen wissen was du hier tust, warum du hier bei mir bist?

Tabakov:       [weicht erschrocken vom Fenster] Nein, das ist nicht so… ich bin uninteressant ich habe nichts getan, sie sollen nicht denken… sie sollen nicht schlecht denken… [er schaut unruhig hin und her, denkt nach, dann leise zu sich] ich hab’ nur Haferflocken gegessen, Haferflocken sind eklig und langweilig. Sie sollten nicht denken [er schweigt kurz, springt wieder and Fenster, brüllt hinaus] Ihr solltet nicht denken. Ihr solltet nichts denken.

Fried:             [er hat Tabakov beobachtet, legt ihm den Arm um die Schulter, fragt ihn mitfühlend] was meinst du wer das ist? Kennst du sie?

Tabakov:       Nein, nie gesehen, den Schweinehund nicht, den Alten nicht, gar nichts davon. Ehrlich, ich weiß nicht wie sie auf mich kommen. [er schaut verzweifelt um sich] Ich muss bald los… Sag’ du es mir. Du hast mich hergebracht. Ich kannte dich gar nicht und jetzt denkt die ganze Welt über mich nach. [flehentlich] Sag’ mir warum sie über mich denken.

Fried:             [er denkt nach, antwortet nur langsam] Nun, den Schweinehund kenne ich. Er ist manchmal bei mir gewesen. Er redet viel, langweiliges Zeug. Lauter langweiliges Zeug. Hört gar nicht mehr auf damit, die Sau. [er schaut nach draußen, fixiert das Publikum] Was er da unten macht? Weiß ich nicht. Was er über dich denkt… weiß ich nicht. Wahrscheinlich nichts Gutes. Ist ein verdammt negatives Kerlchen.

[Tabakov sinkt in sich zusammen. Er setzt sich zurück auf seinen Stuhl]

Tabakov:       Ich hätte Daheim bleiben sollen. [er schaut auf seine Uhr, schnieft in ein großes Stofftaschentuch das er aus seiner Hosentasche hervorgewurschtelt hat] Es ist so früh. Viel zu früh. Ich hätte Daheim bleiben sollen. Was lesen. Wenig denken, viel schlafen. Und dann bist du gekommen hast geklingelt, mich mitgenommen und jetzt? [er schaut Fried bitterböse an] Jetzt sitze ich hier und sie denken über mich nach. Ich kenne dich gar nicht. So sollte es nicht sein. So ist es bisher nicht gewesen und so sollte es auch jetzt nicht sein. [sieht Fried flehentlich an] Ich kenne dich doch gar nicht.

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