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Mikhail Bakhtin zum Thema: Postprivacy und Opendata

Wieder eine EU Richtlinie zur Durchsetzung der Rechte  des geistigen Eigentums. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Digitalisierung schöpferischer Inhalte und deren Nutzung scheint mit der fortschreitenden Digitalisierung immer drängender zu werden (medien-gerecht). Aber dem ist nicht so. Die Frage nach Urheberrechten und den Schutzmaßnahmen für geistiges Eigentum ist so alt wie die Werke großer Denker und Wissenschaftler. Die opendata und postprivacy Debatten sind nicht neu, sondern von den, sich ständig ändernden (digitalen) Kontexten befeuert.

Also ist ein kleiner historisch-sozilogischer Exkurs angebracht, der nicht nur die Paradigmatischen „Bench mark Daten“nachzeichnen soll, sondern die Debatte erweitert.Ich fange also mal irgendwo in Russland an:

Mikhail Bakhtin (1895-1975) hat sich viele Gedanken, zu vielen Dingen gemacht u.a. zum Thema Autorschaft / Urheberrecht, aber um diese nachvollziehen zu können rückt zunächst die Begriffe „Erinnerung und Gedächtnis“ und „Identität“ in den Mittelpunkt.

Die Identität wird vom Subsystem des sozialen Gedächtnisses gestützt. Meistens erinnere ich mich, weil die anderen mich dazu antreiben, weil ihr Gedächtnis dem meinen zu Hilfe kommt, weil meines sich auf ihres stützt. Wie die Identität ist auch das Gedächtnis ein Aspekt der Sozialität. In ihrer Ausarbeitung Das Gestern im Heute formulieren Jan und Aleida Assmann folgende These: „Das Gedächtnis entsteht nicht nur in, sondern vor allem zwischen den Menschen“ (114).]

Darsu folgt der Schluss, das Identität nur im Austausch mit dem Gegenüber entstehen kann. Und hier kommt in Bakhtin ins Spiel: “Only when there is an Other can you know who you are… and there is no identity… without the dialogic relationship to the Other. The Other is not outside, but also inside the Self, the identity. So Identity is a process… an ambivalent point. Identity is also the relationship of the Other to oneself.“ Identität generiert sich also nicht aus sich selbst, sondern bildet sich über soziale Interaktionen heraus: Das gemeinsame Erinner, der persönliche Austausch, die (Fremd-) und Selbstwahrnehmung mit und durch verschiedenste Gegenüber. Wenn Identität und damit das „Selbst“ soziales Patchwork ist, dann ist auch der Geist, der das Werk, den Text, das Bild etc. hervorbringt von einer Vielzahl anderer Geister geprägt. Das heißt die „Geister“ vieler konstituieren meinen Geist und bringen durch ihn neue Dinge hervor – Dinge die ich in diesem Zusammenhang unmöglich mein Eigen nennen kann. Diese Betrachtungsweise hat weitreichende Konsequenzen für die Wahrnehmung von geistigem Eigentum. Es seien hier nur 2 genannt:

  1. Das Werk ist nicht Ausdruck eines Geistes, sondern einer Vielzahl sozialer Variablen → es kann nur noch bedingt einem genialen Verfasser zugeschrieben werden.
  2. Das Werk muss als Ausdruck seiner Zeit verstanden werden, es kann ohne den Hintergrund (Autorenbiographie und soziale, politische, kulturelle und historische Gegebenheiten) nicht begriffen werden. Im Umkehrschluss ist das Werk ein Schlüssel zur Vergangenheit. Das Werk wird zum Plädoyer für den Positivismus.

4 thoughts on “Mikhail Bakhtin zum Thema: Postprivacy und Opendata

  1. Hiya,
    es ist schon bemerkenswert, wie das Zitat eines ausgesprochenen Dialektikers wie Bakhtin zu einer Begründung des Positivismus umgedeutet wird. Erst wird verständig die Genese der Identität des Einzelnen als Differenz zu den Anderen, zur Gemeinschaft erläutert, um dann die Urheberschaft eines Produktes ganz in die Gemeinschaft zu verlagern. Was bitte sind denn die Anderen, die Gemeinschaft ohne die Identität des Einzelnen?
    Wenn man schon einen Chiasmus sieht, sollte man den Mut haben, ihn auch so stehen zu lassen, statt in die klassische Positivismusfalle der Linearisierung zu treten. Denn die produziert nur gigantische Bretter vorm Kopf.
    LG, Nick H.

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