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Polyklinik – Absurdes Theater II

Weil unser Gesundheitssystem krank und ziemlich Pleite ist, muß ein Umdenken stattfinden. Eine mögliche Konsequenz dieses Umwälzungsprozesses ist die Entthronisierung des Patient (müßig, weil er eh nie König war). Der Patient muß von nun an für sich selbst sorgen und sollte er krank werden… dann Gnade ihm Gott.

1. Szene

Auf einem Krankenhausflur. Der Große und der Kleine sitzen auf einer alten Holzbank. Sie warten. Beide sind in dünne OP-Hemdchen gekleidet (hinten offen). Der Kleine hat ein, in Zeitungspapier gewickeltes, Paket auf den Knien liegen. Sein Blick ist fest in die ferne gerichtet. Der Große zittert ein wenig, und schaut immer wieder unruhig, den vermutlich endlos langen Flur hinunter.

Der Große:                  [Ohne den Kleinen anzuschauen] Entschuldigen Sie. Sie haben nicht zufällig…

Der Kleine:                 [ohne den Großen anzuschauen] Bitte, ich versuche mich zu sammeln!

Der Große:                  Oh. [Zu den suchenden Kopfbewegungen gesellt sich das nervöse wippen der Beine] Sie sammeln     sich? Wie Pilze, richtig?

Der Kleine:                 [Er blickt noch immer geradeaus] Ganz recht! Wie Pilze! Ich sammle mich wie Pfifferlinge – kleine saftige Pfifferlinge

Der Große:                  [Er springt auf die Beine. Ein Imaginäres Gewehr geschultert. Er salutiert, ruft laut] Weidmanns Heil!

Der Kleine:                 [Springt auf, so dass sein Paket auf den Boden fällt. Er nimmt Haltung an und salutiert feierlich] Weidmanns Dank!

Der Große und der Kleine stehen stramm. Der Große starrt über den Kleinen hinweg.

Versucht aber aus den Augenwinkeln immer wieder sein Paket zu fixieren. Der Kleine starrt

auf die Brust des Großen. Sie stehen ein paar Sekunden. Von der Seite betritt der

Besserwisser die Szene. Er setzt sich auf die Bank und schaut sich um. Sein Blick fällt auf den

Großen und den Kleinen. Er mustert die Beiden

Der Besserwisser:       [Schnauzt im Tonfall eines Befehlshabers] Rühren ihr Burschen!

Augenblicklich entspannen sich der Große und der Kleine. Hastig hebt der Große das Paket

auf. Der Große und der Kleine nehmen neben auf der Bank neben dem Besserwisser platz.

Der Große in der Mitte mit dem Paket auf den Knien. Es entsteht eine Pause in der jeder mit

sich beschäftigt ist.

Der Besserwisser:       Gut, jetzt sind wir zu dritt!

Der Große:                       Zu dritt?

Der Kleine:                      Was meinen sie damit? Zu dritt?

Der Besserwisser:       Ja, habt ihr denn nicht die Information bekommen? Unten am Stand?

Der Große und der Kleine schütteln die Köpfe.

Der Besserwisser:       Eine nette Schwester da unten. Jedenfalls, man darf nur noch zu dritt rein. [Er weist mit dem Kopf in Richtung Bühnenrand] Es hat zu viele Verletzte und Tote gegeben. Und jetzt… nur noch zu dritt!

Der Kleine:                       Und die Schwester war nett?

Der Besserwisser:       Ein reizendes Ding!

Es entsteht wieder eine Pause. Abwechselnd wippen die Drei mit den Füßen und trommeln

mit den Händen auf den Knien. Es entsteht ein Rhythmus, ohne dass sich einer der Drei

dessen bewusst wäre. Sie klopfen und trommeln eine Weile. Jeder für sich und doch

zusammen. Unverhofft hören sie auf. Stille. Dem Kleinen ist es unangenehm, in der Mitte,

zwischen den zwei Schweigern. Er hebt mehrmals an um etwas zu sagen. Beim dritten

Versuch gelingt es ihm.

Der Kleine:                   [Zu dem Großen] Ich sehe sie haben schon eines?

Der Große:                    Wie bitte?

Der Besserwisser:   [vermittelnd] Das Paket! Er meint, sie hätten schon eins.

Der Große:                     Oh ja, richtig. [Er umfasst das Paket fest mit beiden Händen] Ich habe schon Eins. Frisch aus dem Automaten dahinten. Sie schmeißen einfach ein paar Münzen hinein und schwuuups…

Der Kleine:                 [Versonnen] und schwuuups… [Er schaut skeptisch in die Richtung Bühnenrand – vermutlich steht da irgendwo besagter Automat] Woher wussten sie welches das richtige für sie ist? Ich bin zum ersten Mal hier. Ich kenne mich kaum aus. Alles was ich weiß habe ich entweder aus der Zeitung, oder vom hören sagen. Es soll ja eine Erfahrung wert sein… habe ich gehört.

Der Große:                      Günstig isses auf jeden Fall. Ich bin eigentlich kein Heimwerkertyp, aber günstig isses.

Der Besserwisser:       Ja, da magst du recht haben. Kostet nicht viel hier. Ich komme her, des Abenteuers wegen. Man weiß ja nie was so passiert. Wenn man sich mal verschneidet, ist das ja manchmal doch ein wenig… [Er sucht nach dem richtigen Wort] heikel! Ja heikel, das trifft es.

Der Kleine:                      Dieses Haus ist mir empfohlen worden. Ein Freund hat mich bei der Wahl beraten. Er hat mir berichtet, dass es hier sehr sauber sei und ab und zu sähe sogar ein richtiger Arzt nach dem Rechten.

Der Besserwisser:       Dein Freund hat dich belogen. Der Herr Doktor sei ein vortrefflicher Mann hat er dir erzähl? Nun ja, [Er zuckt verächtlich die Schultern] es wird so einiges erzählt. Einige vermuten er sei der Leibarzt des so plötzlich verstorbenen Bürgermeisters gewesen. [Er verzieht verächtlich die Mundwinkel] Aber ich weiß es besser.

Der Besserwisser lehnt sich zufrieden zurück. Der Große und der Kleine schauen sich befremdet an.

Der Kleine:                      Und das Paket? Woher wussten sie denn nun…

Der Große:                          Ja richtig das Paket, ich habe es gewählt nachdem ich mich erkundigt hatte. Man, kauft ja so schnell heutzutage! Da ist es besser man schaut sich vorher ein wenig um – sammelt In-for-ma-tio-nen [Er spricht das Wort mit einiger Anstrengung und unverhohlenem Stolz aus] Und dann habe ich für dieses Paket entschieden. Es ist das richtige, glauben sie mir.

Der Besserwisser:       Du sammelst?

Der Große:                       Manchmal… Pilze. Pilze und In-for-ma-tio-nen!

Der Besserwisser:       Du sammelst noch nicht lange, oder?

[Er mustert das Paket, kneift die Augen zusammen. Lächelt überheblich] Wenn du mir die Frage erlaubst? Was wiegst du?

Der Große:                      Wie bitte?

Der Kleine:                      [Er vermittelt hilfsbereit] Wie schwer sie sind, möchte der Herr wissen.

Der Große:                       Bevor oder nachdem ich mich gesammelt habe?

Der Besserwisser:       Nachdem natürlich!

Der Große:                       So, nachdem… dann lassen sie mich mal überlegen. Es ist schon eine Weile her, dass ich mich habe wiegen lassen. [Zu sich] Wie schwer, wie schwer, wie schwer wird man sein nachdem man sich gesammelt hat? [Sich an den kleinen wendend] Was denken, was so ein Pfifferling wiegt?

Der Besserwisser:       Wie bitte?

Der Kleine:                 [Er erklärt mit großem Respekt in Richtung des Besserwissers] Er hat recht! Schauen sie: Was kann eine Information schon wiegen? Wohl mindestens so viel wie ein Pfifferling. Wenn er also vier Informationen gesammelt hat, dann wird er danach exakt vier Pfifferlinge wert sein. [Er grunzt. Ist zufrieden mit seiner Erklärung. Er wendet sich an den Großen, der still an seinen Fingern abzählt, aber immer wieder durcheinander kommt] Ich bin mir da gerade auch nicht so sicher. Es wird wohl auf die Größe des Pfifferlings ankommen…

Der Besserwisser:       Ich weiß es besser. Ein Pfifferling wiegt exakt 7 Gramm.

Der Große:                       [Sichtlich erleichtert über diese Information] Nun dann wiege ich in etwa soviel wie 12023 Informationen.

Der Besserwisser:       [Er schaut verdutzt] Du rechnest schnell.

Der Große:                       [Zuckt mit den Schultern] Nur wenn ich muss!

Der Besserwisser:       [Unwirsch] Nun wie dem auch sei… du bist zu schwer für das Paket! Schau doch. Da steht es. [Er beugt sich über den Schoß des Kleinen und liest von dem Paket] Inhalt 2 Skalpelle, 3 Klammern, Schere, Knochensäge, Nadel und Faden, Einwegtupfer, Desinfektionsmittel und 1-mal Lokalanästhesie für bis zu Elfhundert Pfifferlinge. Elfhundert! Du bist ungefähr 2000 Informationen zu schwer für die Betäubung. Tut mir leid! Damit kommst du nicht hin. Du wirst zu früh aufwachen… wenn du überhaupt einschläfst. Und das wäre ja nicht so schön.

Der Kleine klopft dem Großen aufmunternd auf die Schulter. Der Große starrt auf sein Paket.

Der Große:                      Aber ich… ich musste doch rechnen. Ich musste und es hat nicht geklappt. Normalerweise klappt alles wenn ich muss. Immer!

Der Kleine:                       Ist ja nicht so schlimm. Sie gehen jetzt unten zur Information. Da sitzt die nette Schwester am Empfang…

Der Besserwisser:       Ein reizendes Ding… Große Brüste, leises Lächeln… also da bekomme ich Phantasien.

Der Kleine:                          …Die wird ihnen das Paket umtauschen. Und dann kommen sie wieder. Wir werden hier auf sie warten. Wir können ja eh nur zu dritt rein.

Der Große:                         Sie haben recht! Weidmanns Dank [Er salutiert, das Paket fest unter seinen Arm geklemmt]

Der Kleine:                        [Er salutiert] Weidmannsheil!

Der Kleine und der Große stehen sich stramm gegenüber.

Der Besserwisser:        Rühren ihr Burschen!

Der Große seitlich ab. Der Kleine setzt sich zurück in die Mitte der Bank. Der Besserwisser

neben ihm. Sie schauen dem Großen nach. Vorhang.

Verwandt (?!) / Verschwägert (!?):

http://projectabsurd.wordpress.com/

http://absurdblog.com/

http://bremertheater.net/

http://www.hyperbaustelle.de/u-blog/

http://textcontainer.posterous.com/

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