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Digitale Identitätsspaltung – Wie das Soziale Netz unser Selbst vervielfältigt

Schwarz Digiart (click for source)

Unsere Aktivitäten in sozialen Netzwerken führen dazu, dass wir unsere Persönlichkeit(en) weiter aufspalten. Mit dem Entstehen der sozialen Netzwerke wird immer deutlicher, dass es die eine Persönlichkeit überhaupt nicht mehr gibt.

„Netzwerken“ erfordert bis zu einem Gewissen Maße auch, dass man sich anpasst (um nicht zu sagen anbiedert) an: Thematiken, digitale Persönlichkeiten, technische Schnittstellen usw.  Es ist natürlich gewagt das W.E.B. Du Bois Konzept des „Double Consciousness“ in einen ex-post rassistischen Kontext zu stellen, aber ich glaube das es helfen kann unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung innerhalb sozialer Netzwerke zu hinterfragen bzw. ein bißchen besser zu verstehen. Im Zentrum dieses Posts steht die Annahme, dass die digitale soziale Interaktion dazu führt, dass wir zwei dualistische „core-Selfs“ entwickeln: Das analoge und das digitale Selbst. Die Entwicklung und Verstetigung des digitalen Selbst führt zu einer Herausbildung eines doppelten Bewusstseins – Du Bois beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen [Änderungen]:

It is a peculiar situation, this double-consciousness, this sense of always looking at oneself through the eyes of others, of measuring one’s soul by the tape of a world that looks on in amused contempt and pity. One ever feels his twoness – an [Onliner], An [Offliner]; two souls, two thoughts, two unreconciled striving; two warring ideals in one [mind], whose dogged strength alone keeps it from being torn asunder. The history of the [social networker] is the history of this strife – this longing to attain Self-conscious manhood, to merge his double into a better and truer Self. […] He would not [digitalize reality], for [reality] has too much to teach to the [digital]. He would not bleach his [online-]soul in a flood of offline reality, for he knows that [the digital realm] has a message for the world. (2007, 9)

Fjodor Michailowitsch Dostoevsky beobachtet in seinem Buch “Underground Man before the mirror” das Dilemma des Netzwerkers: The networker  „has to acknowledge the impossibility of a direct relation with oneself, even in confession!“ Und Michail Bakhtin zieht ebenfalls eine Paralelle und kommt zu dem Schluss, dass wir auch deshalb ein digitales Bewusstsein entwicklen weil wir ständig vor einem virtuellen Publikum bestehen müssen. Wir betrachten, konstituieren und verändern unser digitales Selbst immer auf der Grundlage einer impliziten Selbstwahrnehmung: “one looks in and through the eyes of the other; one needs the other’s gaze to constitute oneself as self”

Dieser Moment, indem wir dazu übergehen unser digitales Selbst zu verändern, weil wir den Ansprüchen der Netzwerker in irgendeiner Weise begegnen wollen führt dazu, dass sich unsere digitale Identität aufspaltet. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich hierbei insofern um eine Binsenweisheit handelt als das wir dieses Phänomen auch in der realen Welt an uns selbst (und an unserem Selbst) beobachten die Neuerung ist nun, dass wir aber eine digitale Identität zusätzlich zur analogen verwalten müssen. Im Endeffekt stehen wir am Ende mit noch mehr Identitäten da – so viele Identitäten wie es Netzwerke gibt in denen wir vertreten sind. Was widerum Auswirkungen auf die Frage nach Verlässlichkeit und damit letzendlich auch nach Wahrheit hat.


13 thoughts on “Digitale Identitätsspaltung – Wie das Soziale Netz unser Selbst vervielfältigt

  1. ein interessantes feld …
    hier meine gedanken dazu:
    1. eine in sich auf einer einzigen „identität“ beruhende persönlichkeit ist schon vor der unterscheidung in digital und analog eine fiktion gewesen und wahrscheinlich einer der mythen der bürgerlichen gesellschaft bzw. gutenberggalaxis.
    2. dualistisch müssen sie nicht sein. denn die verschiedenen persönlichkeiten (bzw. persönlichkeitsanteile könnte man mit psych.analyse sagen) schließen sich ja nicht gegenseitig aus, sondern im gegenteil durchdringen einander. das, was ich in google+ „bin“ ist eine dort erfahrene möglichkeit von mir, die ich anschließend auch im analogen leben leben kann (man glaubt ja kaum, wie sozial unangepasste leute wie ich hier üben können, sich anständig zu benehmen) und vice versa.
    3. die anpassung (anbiederung muss es nicht sein) an die jeweiligen sozialen kontexte geschieht im analogen leben ja ebenso (ohne sie wäre soziales leben gar nicht möglich), denn auch im analogen leben ist man nicht immer der/die gleiche.

    1. zu 1. und 3. auch wenn mein Post das nahe legt… die Gegenüberstellung digital = Utopie und analog = Realität ist so nicht möglich. Ich glaube wir machen einen Fehler, wenn wir diese Annahme leichtfertig übernehmen. Natürlich ist das Netz und seine Sozialen Netzwerke ein Abbild der Gesellschaft, aber es ist eher eine heterotopie (ein Ort also an dem eigene Regeln gelten). Das heißt dort schaffe ich nicht nur „eine“ oder viele Identitäöten, sondern auch gleich die Welt als solche. Ich kann sehr genau selektieren wen oder was ich in meinem Umfeld haben möchte bzw. mit wem ich mich abgeben will. Das heißt ich schaffe auch einen neuen Chronotopos (Zeit und Raum werden zu variablen und damit sind meine Identitäten sehr viel dehnbarer und Verstetigungsresistent)

      zu 2. „das, was ich in google+ “bin” ist eine dort erfahrene möglichkeit von mir, die ich anschließend auch im analogen leben leben kann (man glaubt ja kaum, wie sozial unangepasste leute wie ich hier üben können, sich anständig zu benehmen) und vice versa.“ Das habe ich in der Richtung noch gar nicht betracht gezogen. Hast du ein Beispiel?

      1. „hast du ein beispiel?“ naja, ist mir ein bisschen peinlich: aber ich kann mit meinen f2f kollegen jetzt auch munterer plaudern, seit ich im netz gelernt habe, wie man sich benimmt.

        ich habe übrigens die unterscheidung digital = utopie, analog = real ganz gewiss nicht getroffen. da hast du mich falsch verstanden irgendwie.

  2. Ja, ich muss Lisa Rosa zustimmen.

    Das was gemeinhin als „Persönlichkeit“ eines Menschen erachtet wird, ist schlichtweg nur ein Oberbegriff für alle unsere Teilpersönlichkeiten, die unser Fühlen, Denken und Handeln in den jeweiligen Situationen bestimmen.

    Insofern ist der digitale Raum nur eine weitere Spielwiese unter vielen, auf dem der eine oder der andere Persönlichkeitsanteil sich vielleicht stärker austoben kann. Und vielleicht sind es dort ja die Anteile, die wir im Alltag ja nicht so gerne rauslassen können oder wollen.

    1. „Und vielleicht sind es dort ja die Anteile, die wir im Alltag ja nicht so gerne rauslassen können oder wollen.“

      Ist das nicht ein Merkmal von Subkulturen? Ich weiß (oder nehme an), dass es so nicht gemeint ist aber der Satz klingt erstmal gefährlich – jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Was ich im analogen Leben nicht sein kann, möchte ich im digitalen nachholen? Warum? Weil die analoge Gesellschaft mich ertragen könnte? Aber ich stimme zu, der Wunsch nach Ganzheitlichkeit ist wahrscheinlich ebensowenig erstrebenswert, weil es um eine Anpassung geht. Im Endeffekt ist damit die Suche nach Partizipationsmöglichkeiten (Partizipation als Wunsch nach Veränderung) beendet.

    2. naja, spielwiese … ich würd es der einfachheit halber leben nennen!
      und was den „Alltag“ angeht: der findet bei mir jedenfalls genauso viel im digitalen wie im analogen „lebensraum“ statt.

  3. Gefährlich? Nein… Handeln wir denn nicht alle so, auch im realen Leben? Welcher „normale“ Mensch ist sich denn seiner ganzen Anteile überhaupt wirklich bewusst?

    Sich seiner Anteile bewusst zu werden und auch die unterdrückten „bösen“, „destruktiven“ und ungeliebten Teile anzunehmen und sie zu integrieren ist eine wichtige Entwicklung eines jeden Einzelnen.

    Und ja, du hast recht: Je mehr das geschieht, desto eckiger, sperriger und unangepasster wird man für die seine Mitmenschen. Ganz einfach, weil man sich nicht länger von den gesellschaftlichen, moralischen oder sonstigen Vorstellungen einzwängen lassen kann.

    Auf dem Weg dahin kann das Internet eine nicht unerhebliche Rolle spielen: Nämlich, wie gesagt, als Spielwiese für die jeweiligen Anteile, zum austoben und ausprobieren.

    Und jetzt teile ich mal was persönliches mit: Ja, ich habe im Netz schon kräftig getrollt. So richtig mit allem drum und dran. Ich habe Shitstorms ausgelöst und mich kräftig daran beteiligt. Es war ne sehr interessante Erfahrung und es hat gut getan, meinen inneren Troll kennenzulernen. In meinem Offline-Leben wäre ich ihm wahrscheinlich nie begegnet. 😉 Auf der anderen Seite habe ich mich im Netz schon sehr früh ungeschminkt, mit all meinen Facetten gezeigt. Sehr viel früher, als ich dies analog konnte. Hier waren meine Erfahrungen im Netz eine große Hilfe, um dies auf mein „wirkliches“ Leben zu übertragen.

    1. Danke für den Einblick! Hatte bisher nur einen vagen Begriff von „Trollen“ 😉
      Eine Frage aber habe ich: „Auf dem Weg dahin kann das Internet eine nicht unerhebliche Rolle spielen: Nämlich, wie gesagt, als Spielwiese für die jeweiligen Anteile, zum austoben und ausprobieren.“ Diese Aussage setzt voraus das sich Online und Offline Netzwerke gleichen und „mutually inclusive“ sind. Ist das der Fall? Ich glaube das wir im Netz Kommunikationsstrategien entwicklen, die sich grundlegend von den „Echtzeit“ Netzen unterscheiden. Alle postulieren diese Notwendigkeit sich den Gegebenheiten der Netzwerke und der sich verändernden Interaktionsmöglichkeiten anzupassen… ich glaube das diese Notwendigkeit tatsächlich auch unser Leben „durchdringt“ und wir deshalb vor der Aufgabe stehen uns „was einfallen lassen zu müssen.“ Deshalb stehe ich der „ich-probiere-im-Netz-und-übertrage-mein-Verhalten-insOffline-Leben“ eher skeptisch gegenüber.

  4. Ich will der Sachlichkeit halber auf einige Dinge hinweisen:

    1. Schizophrenie bedeutet trotz landläufiger Meinung nicht Persönlichkeitsspaltung. Der Begriff wird im Titel falsch benutzt.

    2. Wovon du sprichst, sind auch nicht Persönlichkeiten, sondern Rollen. Das Phänomen, dass Menschen in unterschiedlichen Umgebungen unterschiedliche Rollen einnehmen, ist ein adaptives und evolutionär vorteilhaftes Verhalten. Die digitale Umwelt ist hierbei bloß ein Teil der Lebensräume, in denen wir sind. Wenn ich meinen Kindern gegenüber anders bin, als gegenüber meinen Eltern, dann hat das nichts mit Persönlichkeitsspaltung zu tun. Und in erster Linie ist es völlig gesund und normal.
    Wir betrachten uns immer auch durch die Augen der Gesellschaft, sei sie virtuell oder real. Manchmal mehr, manchmal weniger. Beide Extrema können hier zu psychischen Störungen führen, sowohl in der analogen, wie auch in der digitalen Welt. Darum sehe ich keine Grundlage für die postulierte neue Qualität digitaler Plattformen.

    1. Du hast recht, „Schizophrenie“ passt nicht (sowenig wie Autismus und Aspergersyndrom synonym gebraucht werden können). Aber jeder weiß was gemeint ist – was keine Rechtfertigung ist… aber ein Grund immerhin (Anklagepunkt: Effektheischerei). Ich überleg mir was und hoffe, dass ich etwas ähnlich packendes finde.

      Was deinen zweiten Punkt angeht, dass es sich nicht um Persönlichkeiten sondern Rollen handelt; Ich glaube wir haben beide unrecht. Es handelt sich weder um das eine noch um das andere. Das korrekte Wort wäre wahrscheinlich „Identität“. In dem Wort „Rolle“ schwingt immer die Möglichkeit künstlicher Konstruktion mit und das scheint ja ein Sachverhalt zu sein, dem du entgegenstehst.

      IIch glaube jedoch, dass du nicht richtig liegst, wenn du meinst das digitale Plattformen keine neue Qualität von Identitäten fördert. Die Kommentare im Vorfeld machen das deutlich. Auch wenn mein Post das nahe legt… die Gegenüberstellung digital = Utopie und analog = Realität ist so nicht möglich. Ich glaube wir machen einen Fehler, wenn wir diese Annahme leichtfertig übernehmen. Natürlich ist das Netz und seine Sozialen Netzwerke ein Abbild der Gesellschaft, aber es ist eher eine heterotopie (ein Ort also an dem eigene Regeln gelten) als ein Spiegelbild. Das heißt im Netzwerk schaffe ich nicht nur “eine” oder viele Identitäöten, sondern auch gleich die Welt als solche. Ich kann sehr genau selektieren wen oder was ich in meinem Umfeld haben möchte bzw. mit wem ich mich abgeben will. Das heißt ich schaffe auch einen neuen Chronotopos (Zeit und Raum werden zu variablen und damit sind meine Identitäten sehr viel dehnbarer und Verstetigungsresistent)

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