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Google+ und die „Continuous-Sustainability“ Strategie hinter den aktuellen Profilsperren

Google+ scheint eine Community bauen zu wollen in der jeder seinen Platz hat, seinen Platz kennt und in der jeder darum bemüht ist einen gerüttelt Maß an Kontinuität (oder Gleichförmigkeit) herzustellen.

„Teilen wie im richtigen Leben“, so lautet der Subheader des Netzwerks Google+ und das Netzwerk wird diesem Anspruch gerecht. Der legitime Facebook Herausforderer „zensiert“ – wie im richtigen Leben – Profile von Usern. Immer öfter macht es die Runde und wir beobachten es mit einiger Verwunderung / Unwillen und vielleicht auch Unwohlsein: Google+ sperrt Profile die gegen die Konzerninterne Namenspolicy verstoßen. @plomlompom verbreitete gestern folgende Nachricht über seinen Stream:

„Ich habe die Schnauze voll von der Gutsherrenart, mit der Google bestimmt, wie wir uns hier nennen dürfen oder nicht. Fleißig werden Nutzer suspendiert, weil sie es wagen, sich einen anderen Namen zu geben als einen bürgerlich klingenden. Anale Fixiertheit auf „Realnamen“, also auf die Unfälle in unseren Personalausweisen, dieses Verweisen auf staatliche Identitäts-Zertifikate, das war schon das außerordentlich Obrigkeitshörige, was mir im de-Usenet auf die Eier ging. Unsere Sozialräume im Netz sollten mehr sein als nur Erfüllungsgehilfen staatlicher Ordnung, und dasselbe gilt für die Namenswahl.“ Es folgt ein grandioser Rundumschlag, den ich hier nur verlinke und zum weiterlesen empfehle.

Auch @sebaso hat es heute ereilt. Er verstieß – dem Aufruf von @plomlompom folgend – gegen das googlsche Hausrecht und wurde vom Internetgiganten gesperrt. Auch die „Datenschutzkritische Spackeria“ hat diesem Thema einen Blogpost gewidmet.

Ich kann die Trotzreaktionen einiger Nutzer sehr gut nachvollziehen, stelle mir jedoch die Frage wie sinnvoll diese sein kann. Ein vermeintlich ungerechtes System wird nur immanent, also von innen heraus, geändert und zum Umdenken gezwungen. Der Plattform absichtlich verwiesen bzw. gesperrt zu werden mag ein Zeichen sein, ist aber keine Lösung die nachhaltige Veränderung schafft. Einen seht-her-Effekt zu kreieren, kann nur der Anfang sein. Einer Anti-Anonymsierungspolitik mit provozierter Diaspora zu begegnen ist ein Widerspruch in sich. Es geht im Anschluss an eine solche Protesthandlung darum, sich nicht beleidigt in eine Ecke zurück zu ziehen sondern der google+ policy entgegen zu wirken- aus einer Systemimmanenten Position heraus. Ich bin gespannt wie sich diese Diskussion entwickelt und ob bzw. wie sie Wirkung zeitigt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin durchaus der Meinung, dass es wichtig ist Stellung zu beziehen und einem Giganten wie google+ entgegen zu treten und ihm klar zu machen, dass ein soziales Netzwerk die Dynamik und Identitäten seiner Nutzer als Spineffekt nutzen muß, um eine Vielfalt an Identitäten und Austauschmöglichkeiten herzustellen bzw. zu gewährleisten.

Das Verhalten des Netzwerks legt den Verdacht nahe, dass dem Verfahren mit „Non-konformisten“  eine „Continious Sustainability“ Strategie zugrunde liegt, die durchaus totalitäre Dimensionen annehmen kann: „A community where everyone has their place, everyone knows their place, and everyone works ceaselessly to maintain continuance. If you were to dispassionately consider the principal aim of the society to be longevity rather than fairness, then everything is downgraded to simply a means of attaining that goal. Rather than waiting for a resident to prove themselves disharmonious, they are simply flagged early and sent off as a precaution. If you think abou it, the whole notion is quite ingenious.“ (Jasper Fforde)

Google+ sperrt nicht nur aus, sondern bekommt auch Kündigungsschreiben. Auch das ZDF Blog „Hyperland“ spricht und schreibt (mit einiger Verspätung) darüber: „Die Identitätsmörder von Google+

und hier noch ein Beitrag zum Thema von @tarzun: „Digitale Mantafahrer“ / Dazu Lesenswert: Anonymity and Pseudonyms in Social Software und jetzt auch noch Herr Lobo mit seinem SPON Artikel: Die Verschmelzung der Welten

7 thoughts on “Google+ und die „Continuous-Sustainability“ Strategie hinter den aktuellen Profilsperren

  1. Das ist ein bischen so als würde man Mandela erklären, dass er ja gar nichts mehr gegen die Apartheid tun kann, wenn er im Knast sitzt und er lieber mal nen Gang runter schalten soll.

    Okay, es ist nur ein kleines bischen so, aber immerhin! 😉

  2. Ich glaube nicht, dass sich Google an strategisch wichtiger Stelle in die Geschäftspolitik hereinquatschen lässt, weder von innen noch von außen und schon gar nicht zu diesem frühen Zeitpunkt, wo es sozusagen darum geht, den neuen Tanker vom Stapel zu lassen und auf Kurs zu bringen. Und natürlich schon gar nicht von Mikro-Randgruppen.
    Der Facebook-Gegner ist natürlich – werbewirtschaftlich betrachtet – nur dann ein Gegner, wenn die Targeting-Optionen ähnliche Ausmaße wie bei Facebook erreichen. Bislang kann Google ja vor allem umfeldbezogene/kontextbezogene Werbung. Mit der Community wird Targeting möglich im Hinblick auf bekannte und nach Möglichkeit auch bestätigte soziodemographische Identitäten. Dabei ist der Name unwichtig, interessant sind Wohnsitz, Milieu, Alter, Geschlecht, Interessen. Der Name ist nur der Bürge für die Identität. Wer seinen Namen hingibt, wird wohl auch sonst eher „echt“ und „wahr“ sein, also anzielbar für die Werbung.
    Zum jetzigen Zeitpunkt dürfte Google deshalb wenig kompromissbereit sein, weil die neue Community erst ihren Charakter durchsetzen muss, ihren modus vivendi. Damit nicht passiert, womit Google nichts anfangen könnte, nämlich eine Community, wo lauter Avatare mit Avataren kommunizieren.
    Google weiß natürlich auch, dass es immer einen Prozentsatz von vorgespiegelten oder verfälschten Identitäten geben wird, aber jetzt – in der Startphase der Rakete – geht es darum, dass die Hauptrichtung sich durchsetzt und die plomlompoms eine Minderheit bleiben.
    Dagegen machen könnt ihr gar nichts. Nichts. So wenig wie eine Fliege einen Elefanten würgen kann. Die PR-Maschine läuft auch viel zu gut.
    Das heißt … eine Möglichkeit wäre vielleicht die versteckte Obstruktion, d.h. eine „Fantasiestadt“ aufzubauen. Man guckt sich ein kleines Dorf in D aus und sorgt dann für die virtuelle Überbevölkerung. Z.B. gibt es den hübschen Ort Übersee in der Nähe vom Chiemsee 😉 So könnte man dafür sorgen, dass alle deutschen GooglePlus Nutzer in Übersee ansässig sind, alle 49 Jahre alt sind, alle mit Nachnamen Schmitz, Schmidt oder Müller heißen, alle bei der Stadt angestellt sind, alle auf die X-Realschule gegangen sind und sich für x, y und z interessieren. Das wäre ein seltsames Erwachen für die Systeme.
    Auf jeden Fall sollten sich alle, die so heißen wollen, wie sie amtlich heißen, auf einen gemeinsamen Nachnamen einigen. Wobei das wohl nur Müller sein könnte (man kann ja nicht alle Müller unter Generalverdacht stellen, nur weil so ein paar Pseudo-Müller …)

  3. @Fritz: Aber wie wollen sie nachprüfen, ob der echt aussehende Name, den ich eingebe, auch so in meinem Personalausweis steht? Ein echt aussehender Name ist genauso wertlos wie ein erkennbares Pseudonym. Ob ich da Atari-Frosch, Sabine Becker (Name im Personalausweis) oder Sabine Engelhardt (Mädchenname) angebe, macht für die Qualität meiner Nachrichten und auch für meine Konsistenz keinen Unterschied. Beides kann man nur am Stream als solchem erkennen.

  4. @Sabine Die Namen sind unerheblich. Es muss ja niemand zum Post-Ident-Verfahren. Auch bei Facebook gibt es ja viele, die ihren Nachnamen verändern. Es geht um die psychologischen Implikationen, je nach dem welche Namensform du wählst. Wenn sich alle Teilnehmer gegeneinander anonymisieren, entstehen aus Marketing-Perspektive eine Reihe von negativen Folgen. Wenn sich dagegen – und da ist die Startphase eben sehr wichtig – am Anfang die deutliche Mehrheit als für andere identifizierbare/auffindbare soziale Existenzen einschreiben, bildet die Community tendenziell die „echte“ soziale Realität ab. Es entsteht dann ein hoher psychologischer Druck zu „wahrer“ und konsistenter Meinung/Haltung, höflichem Verhalten etc. Und es entstehen auch Verfikationen durch Netz-Effekte, also durch Querverbindungen. Ein Mr. Nobody mit einem unwahren, aber glaubhaftem Namen, fällt aber auch schnell auf, denn er wird ja nicht „einfach so“ geaddet, zumindest deutlich seltener. Jeder, der voll anonym Mitglied wird, wird von den Algorithmen früher oder später als „unwahr“ erkannt.

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