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Digitalisierter Erinnerungsverlust

Die Diskussion geht weiter: Lagern wir unser Gedächtnis ins Internet aus? Und wenn „ja“, betreiben wir damit gleichzeitig kulturelle Selbstauslöschung (Stichwort kultureller Kontrollverlust). In seinem Artikel „Warum wir Dinge ins Internet schreiben“ schreibt @mspro (unter Verweis auf einen Artikel von Frank Schirrmmacher): „Wenn wir etwas ins Internet auslagern, dann brauchen wir uns diese Information nicht mehr zu merken. […] Wir haben also den Kopf frei für anderes, wichtigeres. Wir erweitern dadurch also auch unsere geistigen Kapazitäten, können mehr Information verarbeiten, etc. Frédéric Valin hat diesen Umstand in der taz sehr schön eingeordnet.“

Erinnerung out zu sourcen, um Platz zu schaffen scheint mir aber ein gewagtes Argument, sobald Erinnerung als Kultur schaffende Entität begriffen wird bzw. werden soll. Das pragmatische Argument “Raumgewinn” darf dann keine Rolle mehr spielen.

Erinnerung formt Identität – würden wir dazu übergehen Kulturtexte (Erinnerungsgewebe egal welcher Form: Audiovisuell, Print etc.) ins Netz einzubetten, um unsere geistigen Kapazitäten auszulasten, dann würden wir Gefahr laufen unser “Selbst” zu verlieren. Mir ist bewußt, dass das auch nach einer Chance klingt, aber es würde zwangsläufig bedeuten das sich unsere Identitäten nicht mehr aus Sozialitäten zusammensetzen, sondern zu instabilen artifiziellen Gebilden werden. Der Zugang zu kulturellen Informationen würde dann über das Werden und Sein des “Selbst” (meine Identität) entscheiden.

Die Identität wird vom Subsystem des sozialen Gedächtnisses gestützt. Meistens erinnere ich mich, weil die anderen mich dazu antreiben, weil ihr Gedächtnis dem meinen zu Hilfe kommt, weil meines sich auf ihres stützt. Wie die Identität ist auch das Gedächtnis ein Aspekt der Sozialität. In ihrer Ausarbeitung Das Gestern im Heute formulieren Jan und Aleida Assmann folgende These: „Das Gedächtnis entsteht nicht nur in, sondern vor allem zwischen den Menschen. Daraus folgt der Schluss, das Identität nur im Austausch mit dem Gegenüber entstehen kann. Und hier kommt in Bakhtin ins Spiel: “Only when there is an Other can you know who you are… and there is no identity… without the dialogic relationship to the Other. The Other is not outside, but also inside the Self, the identity. So Identity is a process… an ambivalent point. Identity is also the relationship of the Other to oneself.” Identität generiert sich also nicht aus sich selbst, sondern bildet sich über soziale Interaktionen heraus: Das gemeinsame Erinnern, der persönliche Austausch, die (Fremd-) und Selbstwahrnehmung mit und durch verschiedenste Gegenüber. Wenn nun aber Identität und damit das “Selbst” soziales Patchwork sind, dann muß eine digitale Auslagerung der Essenz von Identität – nämlich die Erinnerung – zwangsläufig dazu führen, dass wir unser „Selbst“ / unsere Identitäten im Netz verlieren.

Eine sehr eindrucksvolle Visualisierung dieses Vorgangs zeigt ein Musikvideo der Band „Memory Tapes“

Memory Tapes „Yes I Know“ from Najork on Vimeo.

6 thoughts on “Digitalisierter Erinnerungsverlust

  1. „… aber es würde zwangsläufig bedeuten das sich unsere Identitäten nicht mehr aus Sozialitäten zusammensetzen, sondern zu instabilen artifiziellen Gebilden werden.“

    Du formulierst das so, als sei das ein Widerspruch. „Instabile artifizielle Gebilde“ — genau das sind unsere Identitäten doch schon immer gewesen.

    1. Ich wehre mich innerlich gegen den semantischen-Identitätserwerb durch Zuschreibung, den Butler in ihrer Queer-Philosophie andeutet. Wir kommen hier also schnell in die Frage nach Wirklichkeit als Grundlage zur Bewertung von Künstlichkeit – das ist ein riesen Fass.
      Aber wenn es darum geht Identität über Sozialität zu entwickeln, dann ist das Netz und seine „Werke“ ein Ort an dem ein Umdenken zu diesen Thema stattfinden sollte. Ein Problem, dass durch den ungeordneten Informationsstrom im Netz befördert wird, ist doch das Fehlen von Stabilen Referenzpunkten (wobei „stabil“ ganz klar auch physische Realität meint). Die Suche nach Strategien zur Verarbeitung und Selektion von Informationen ist auch eine Suche von Identität. Mit was für Leuten umgebe ich mich auf Twitter und FB und G+ usw. Mein „Selbst“ konstituiert sich doch immer über die implizierte Wahrnehmung meines „Selbst“ durch andere.
      Wenn ich jetzt artifiziell schreibe, dann meine ich damit auch, dass im virtuellen Raum Identitäten neu entwickelt werden. In einem heterotopischen Raum werde ich zunächst einmal zum Gestalter meines „Selbst“. Wenn nun Identitäten aufeinander Treffen, die ihr „Selbst“ losgelöst von physischen Offline-Zuschreibungsprozessen konstruiert haben, dann fehlt meinem „Selbst“ der Referenzpunkt zur weiteren Gestaltung bzw. artifizielles gebirt artifizielles. Das ist natürlich graue Theorie aber vor dem Hintergrund der Auslagerung kultureller Texte aus dem physischen Raum ins Netz, wird eine Diskussion darüber immer notwendiger.

  2. „Wenn nun aber Identität und damit das “Selbst” soziales Patchwork sind, dann muß eine digitale Auslagerung der Essenz von Identität – nämlich die Erinnerung – zwangsläufig dazu führen, dass wir unser “Selbst” / unsere Identitäten im Netz verlieren.“
    Mich würden an dieser Stelle einige Erläuterungen zur Zwangsläufigkeit interessieren, insbesondere in Verbindung mit der Digitalisierung und die Frage nach der Herkunft des „Selbst“ und der Konstruktion von Identität.

  3. The close connection between memory (may it be communicative or cultural) and identity reverberates throughout the struggle to find out about origin and function of memory and memorizing processes. John Locke was one of the first to connect memory and identity by relating his life-experiences during The Thirty Years’ War to his personality “Somit ist Identität […] nichts was wir vorfinden oder das uns übertragen wird, sondern etwas, das wir uns selbst erarbeiten müssen“ Thus, individual-, as well as group-identities are products of dynamic processes. These processes, which lead to the building of identities, are strongly influenced by modes of commemoration. Mikhail Bakhtin thinks of processes of commemoration as being utterly dialogic and Robert Stam describes the dialogic from which Selfs emerge as “a kind of echo chamber of socially orchestrated voices”, which resound within the individual and create synecdoche [pars pro toto – a part for the whole] cultural figures”. Daraus würde folgen, dass Identitäten aus dialogischen (komemorativen) Prozessen entstehen, womit diese Diskussion Relevanz für den Online Offline Kontext entwickelt.

  4. „Erinnerung out zu sourcen, um Platz zu schaffen scheint mir aber ein gewagtes Argument, sobald Erinnerung als Kultur schaffende Entität begriffen wird bzw. werden soll. Das pragmatische Argument “Raumgewinn” darf dann keine Rolle mehr spielen.“

    Das sagst Du einfach mal so, aber warum soll denn „Erinnerung als Kultur schaffende Entität begriffen [werden]“?

    „Erinnerung formt Identität – würden wir dazu übergehen Kulturtexte (Erinnerungsgewebe egal welcher Form: Audiovisuell, Print etc.) ins Netz einzubetten, um unsere geistigen Kapazitäten auszulasten, dann würden wir Gefahr laufen unser “Selbst” zu verlieren.“

    Auch das kann man einfach mal so behaupten, aber warum sollten wir so das Selbst „verlieren“? Es würde sich sicherlich ändern, wir würden anders denken, aber was ist daran jetzt so schlimm, dass es als großer Verlust gebrandmarkt werden muss?

    Mir überidealisiert der Text irgendeine traditionelle Identität-auferinnerungen-Konstruktion. Ja, vielleicht konnte man das früher so sagen, aber vielleicht ists damit jetzt auch mal gut? Vielleicht verschieben wir einen großen Teil, der Dinge, die wir bisher immer in uns behalten haben in einen gemeinsamen Raum um eine gemeinsame Identität zu konstruieren?

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