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Politisches Placebo oder „Der Ernstfall allen Unernstes“ – Die Medien in der Politik

Ah, Zeit für ein bißchen klassische Medien- und Politikanalyse: Ein bißchen Kultursoziologie zum Thema „politisches Handeln und seine Entwicklung in neuen medialen Kontexten“

Die Auftritte von Politikern in den Medien haben uns nicht nur neue Bilder, sondern auch neue Begriffe des politischen Geschehens beschert. So ist seit geraumer Zeit die Rede von ’symbolischer Politik‘ als Ausdruck einer zunehmenden Theatralisierung des Politischen (Immer wieder schön zu beobachten wenn es um Rück(en)tritte geht). Die einen sehen darin eine unter Bedingungen der Mediengesellschaft zunehmend an Bedeutung gewinnende Machttechnik, die anderen zwar auch ein allgemeines, aber dann doch sekundäres, ‚unwesentliches‘ Moment politischen Handelns. „Der Einfluß der Massenmedien entscheidet sich […] nicht an der inszenierten symbolischen Politik. Letztlich kann er sich nur an der effektiven Entscheidungspolitik bewähren“. Gegenüber diesem vermeintlich harten rationalen Kern verfällt ’symbolische Politik‘ dem Verdikt vom ästhetischen Schein, gilt im Falle seiner Verselbständigung gar als genuin nicht-politisches Handeln: „politics without policy“ oder „politisches Placebo“ (Dörner). Die Medialisierung stelle den Ernstfall allen Unernstes in der Politik dar: ihren Ausverkauf an die Medienmacher und die Publikumsgunst. Die Ästhetisierung des Politischen wie des Lebens insgesamt wird in Folge der Entgrenzung zwischen Kultur und Warenwelt als Grundübel der Zeit diagnostiziert.

1 Befürworter wie Kritiker des Konzepts bewegen sich aber ganz im Rahmen dessen, was seit Murray Edelman als die zwei Seiten politischen Handelns gilt. Die ‚eigentliche‘ Politik, das Entscheidungshandeln von Eliten, spiele sich, so hatte er behauptet, auf einer dem Publikum verborgenen und ihm gar nicht zu vermittelnden ‚Hinterbühne‘ ab. Das, was dem Publikum auf der ‚Vorderbühne‘ geboten werde, sei Pseudo-Politik, reine show und diene der Verschleierung dessen, was auf der Hinterbühne passiere (Vor diesem Hintergrund spielt die Foderung der Piratenpartei nach mehr Transparenz eine noch wesentlichere Rolle). Die von der Schaupolitik aufgeführten politischen Mythen lenken aber nicht nur vom wahren Geschehen ab, sondern, wie Edelman im Anschluß an Cassirers Analyse nationalsozialistischer Herrschaftstechnik betont, 2. evozieren zugleich Weltbilder, die bei den Beherrschten aktive Zustimmung und Unterwerfung garantieren.

Aus: „Figurative Politik. Prolegomena zu einer Kultursoziologie politischen Handelns“ (Hans-Georg Soeffner / Dirk Tänzler)

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