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Goethe, Guttenberg und Reineke Fuchs

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Guttenberg wird nach Brüssel eingeladen um über die EU Pläne zur Unterstützung von Netzaktivisten zu sprechen. Allein die Tatsache, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in Brüssel auf eine weitere politische Bühne zurückkehrt macht mich sauer. Warum lädt die EU ihn ein? Was hat Frau Kroes (EU-Kommissarin für Digitales) mit dem Mann zu schaffen? Und was bitte hat zu Guttenberg zum Thema Netzaktivismus zu sagen (#Guttenplag wird ja wohl kaum sein Thema sein)? Vor ein paar Jahren saß ich im Kölner Rezitheater und habe Lutz Görners Interpretation von Goethes Reineke Fuchs gehört. Ganz ab davon, dass Görner ein brillianter Rezikünstler ist, ist das Werk selbst hochaktuell und viele Passagen passen zu Guttenberg – der in diesem Fall ja nur eine Manifestation des politischen Trends ist (Lobo hat hier gut dazu geschrieben) – wie die Faust aufs Auge. „Schönreden, dreistlügen, aussitzen“ – darum geht es auch bei Goethe:

Sie stehlen und rauben, es liebt sie der König;
Jeglicher sieht es und schweigt: er denkt, an die Reihe zu kommen.
Ausgezeichnet vor allen, sie sind die Größten am Hofe.
Nimmt ein armer Teufel, wie [du und ich], irgendein Hühnchen,
Wollen sie alle gleich über ihn her, ihn suchen und fangen,
Und verdammen ihn laut mit Einer Stimme zum Tode.
Kleine Diebe hängt man so weg, es haben die großen
Starken Vorsprung, mögen das Land und die Schlösser verwalten.

Innerhalb dieses Monologs kommt der Sprecher zu dem verheerenden Schluss, dass sein Fehlverhalten nicht Konsequenzen erfordert, sondern im Gegenteil, sein gutes Recht zu sein scheint.

Sehet, Oheim, bemerk ich nun das und sinne darüber,
Nun, so spiel ich halt auch mein Spiel und denke daneben
Öfters bei mir: es muß ja wohl recht sein, tuns doch so viele!

Und am Ende steht die Resignation, die diese Beobachtungen und Entwicklungen nach sich ziehen. Im Radio erdreistet sich ein zu Guttenberg zu behaupten, dass seine „Quellen“ nicht wissenschaftlich gearbeitet hätten und es nur deswegen so viele „wissenschaftliche Mängel“ in seiner Arbeit gegeben hätte. Die Internet Community, die ihn damals zu Fall gebracht hat, will er nun von Brüssel aus umwerben. Es ist Guttenbergs eigene kleine Occupy-Maßnahme. Aus seiner Sicht vielleicht auch eine kleine Genugtuung. Er, den das Netz vom politischen Hof gejagt hat, ergreift das Wort um für mehr Transparenz und Freiheit im selbigen zu plädieren – sollen wir ihm dafür jetzt auch noch dankbar sein? Wäre es nicht so überaus traurig, dann müßte ich vor diesem hohen Maß an Selbstüberschätzung und Arroganz noch den Hut ziehen. Ein Comeback wird es für Guttenberg geben und das ohne ein echtes Wort der Reue, geschweige denn einem Schuldeingeständnis. Mit Neelie Kroes an seiner Seite wird Guttenberg von der Bühne herunter blenden und die Menschen werden ihn beklatschen:

In der Welt gehts immer so zu. Dem Glücklichen sagt man:
Bleibet lange gesund! er findet Freunde die Menge.
Aber wem es übel gerät, der mag sich gedulden!
Ebenso fand es sich hier. Ein jeglicher wollte der nächste
Neben dem Sieger sich blähn. Die einen flöteten, andre
Sangen, bliesen Posaunen und schlugen Pauken dazwischen.

Ich halte es an dieser Stelle mit Max Liebermann: „Ick kann ja nich soviel fressen, wie ick kotzen möchte!“

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