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Von Wichsern und Bildungsparaden

Wie sollen wir denn politische Bildung glaubhaft betreiben, wenn uns die aktuellen Protagonisten ständig in die Quere kommen? Wie sollen wir über Good Governance reden, ohne dabei Gefahr zu laufen von der Tagesaktualität verspottet zu werden? Die Bedeutung von demokratischen Werten, auf die wir uns im Kern unserer Bildungsarbeiten – formal und non-formal (Schule und freie Träger) – berufen, wird durch das bundes- und landespolitische Geschehen ad absurdum geführt.

Ein Bundespräsident, der die Verbreitung zwielichtiger Halbwahrheiten der Transparenz und dem Schuldeingeständnis vorzieht und zudem offen auf die Vergesslichkeit – nicht die Vergebung – seines Volkes setzt. Ein ehemaliger Doktor, der für seinen Betrug am deutschen Bildungssystem mit einem Posten in der EU-Kommission belohnt wird und den man – als ob das nicht schon genug wäre – auch noch anfleht auf die politische Bühne zurück zu kehren. Wohlgmerkt als Star und nicht in der Rolle des demütigen verlorenen Sohnes. Über die FDP brauchen wir an dieser Stelle gar nicht zu sprechen, da sie ihre eigene Implosion gerade höchstselbst während des alljährlichen Dreikönigstreffens erfolgreich betreibt – die dort zur Schau gestellte Inkompetenz ist schon tragisch und sei hier nur mit einem Kommentar des unsäglichen Regierungsmitglieds Dirk Niebel dokumentiert: „Deutschland ist das beliebste Volk der Welt, weil Guido Westerwelle Außenminister ist!“

Wie sollen wir Jugendlichen in dieser politischen Kultur nur klar machen, dass Demokratie eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist. Natürlich bestünde die Möglichkeit, die Staatsform in ihrer Besprechung von den aktuellen Akteuren abzugrenzen. Aber politische Bildung mit Jugendlichen auf Abstraktionsebenen zu betreiben macht wenig Sinn. Die Betrachtung von Idealtypen schärft am Ende zwar den Blick auf die politische Realität, führt schlussendlich aber zu ungläubigem Staunen und entschlossener Wut bei allen Beteiligten… weil uns ständig so ein bescheuerter Politiker in die Bildungsparade wichst – es ist wirklich zum kotzen. Aber…

Bildungsaufträge werden aufgrund dieser Situation geschärft und gewinnen ein (digitales) Profil. Der Bildungsauftrag wird durch die aktuelle Lage interessanter und lebendiger. Wir sehen viele junge Menschen die sich beteiligen wollen. Zusammen entwickeln wir Partizipations- und Netzwerkstrategien, die dafür sorgen, dass mehr Stimmen gehört und nicht ignoriert werden können. Junge gut ausgebildete Menschen mit hörbaren Stimmen und eigenen Meinungen – das ist sowohl Drohung als auch Versprechen. Wir entwickeln Partizipationsstrategien und erhöhen über die Reichweiten der Netzwerke unseren Einfluss. Die Politik täte gut daran, sich einmal umzuschauen, damit sie nicht irgendwann von der Wut – die politische Bildung in diesen Tagen fast zwangsläufig befeuert, weil ihr nichts anderes übrig bleibt als sich mit der peinlichen Politikkultur des Augenblicks zu befassen – nicht auf kalten Fuß erwischt wird. Gute Politische Bildung ist letztendlich eine Kulturtechnik, die zur Überprüfung und Überführung des derzeitigen Status Quo führen muß und wird. Insofern müssen wir uns vor den Wulffs, Guttenbergs und Niebels dieses Landes ehrfürchtig verneigen und ihnen für all die peinlichen Momente danken, die letztendlich dazu führen, dass sich neue Gegenbewegungen formieren.

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