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Digital Dystopia

Ich bin nicht frei. War es eigentlich nie und werde es wahrscheinlich auch nicht sein… nicht in absehbarer Zeit jedenfalls. Ich schreibe ins Netz. Ich schreibe viele Dinge ins Netz – eigentlich alles und dann auch wieder nichts. Aber es ist egal wieviel ich schreibe, oder nicht schreibe. Ich lebe in einem System, in dem das Wenige noch zuviel ist, von dem Vielen ganz zu schweigen. Ich bin mir sicher, dass man meine Netzbewegung beobachtet. Warum weiß ich nicht genau. Bis vor einem Jahr habe ich noch in einem Internetcafe und Tee getrunken, während ich geschrieben habe. Heute muß ich aufpassen und mein Schreiben hinterfragen. Ich versuche wie das System zu denken, um meine Texte unverdächtig klingen zu lassen. Aber selbst diese Strategie schließt nicht aus, das ich mich nicht doch einmal in einer unbedachten Phrase verfange, versehentliche Widersprüche – ein Missverstandener Satz. Ich habe darüber nachgedacht, meinen Blog zu löschen, aber auch das würde mich verdächtig machen. Ich blogge seit 4 Jahren, eine Aufgabe meiner Netzroutine würde das System als Hinweis auf… ja, auf was eigentlich… werten. Verstecken (Host-Hopping, IP-Adressen unterdrücken etc.)? – aus Systemperspektive ist schon der der Versuch der Verschleierung einer Meinung, eines Textes ein schwerwiegendes Verbrechen, unabhängig vom Inhalt.

Ich bin nie länger als eine Stunde am Stück im Netz. Seiten, die das System als grundsätzlich „gefährlich“ eingestuft hat, steuere ich nicht mehr an. Ich versuche Datenspuren nur an digitalen Allgemeinplätzen zu hinterlassen: Ich habe einen sehr aktiven Account im staatlichen sozialen Netzwerk, genehmigte Online-Nachrichtendienste, egale Sport- und Entertainmentmagazine.  Ob mir das gelingt? Ich weiß es nicht. Ich versuche vorsichtshalber möglichst viel Abstand zwischen mich und meine Familie zu bringen. Wie sieht das aus? Wird mir auch daraus irgendwann ein Strick gedreht werden? Mein Leben ist voller Widersprüche. Egal in welche Richtung ich mich wende, die eine Richtung ist so gefährlich wie die andere. Wenn sie kommen, dann kommen sie in der Nacht. Wahrscheinlich zwischen drei und vier Uhr, kurz vor dem Morgengrauen. Weil es dann am friedlichsten ist.

Im Westen werden Post Privacy Debatten geführt. Auch unser System proklamiert das Ende der Privatheit. Transparente Bürger – das ist ein Traum der den Machthabern feuchte Matratzen beschert. Hier wird Post Privacy in eine Richtung gedacht. Zwischen Bürger und Staat passt kein Blatt Papier, kein Bit oder Byte – er sorgt für mich, es geht mir gut, ich habe keinen Grund subversives Gedankengut zu verbreiten. Post Privacy gegen die Einbahnstrasse gedacht, würde für mich zu einer Post Mortem Debatte werden. Öffentlichkeit bedeutet in diesem Land nicht Freiheit, sondern die freiwillige Rückkehr in die Bewgungslosigkeit.

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