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Politischer Pattex-Fetischismus: Von der Furcht öffentlicher Persönlichkeiten vor Isolation

Ich kann einfach nicht nachvollziehen, warum Politiker zu lange an ihren Ämtern festhalten. Wenn uns die Causa Wulff (wahlweise auch Guttenberg oder Sauerland o.ä.) eines lehrt, dann das deren Verhalten auf Furcht gegründet ist. Furcht vor der Isolation. Eine Schlussfolgerung muss demnach auch lauten, dass der Angst vor Isolation – also der Ausschluss von Öffentlichkeit – die Furcht vor dem Verlust von Identität zugrunde liegt.

Für Personen des öffentlichen Lebens hat Isolation erst einmal nichts mit der privaten Angst Alleinseins zu tun, sondern vielmehr mit der Angst vor der Konfrontation mit einem entwurzelten Selbst. Dieses Selbst hat den postindustriellen Wohlstandsmenschen seit jeher dazu gezwungen, sich und seine Meinung anzupassen, um Identität in Abhängigkeit von den, Meinungsumfragen und öffenlichen Stimmungbildern (Netzgemeinde) zu generieren. Folglich ist dieses Selbst nicht stabil. Zu eng ist die Abhängigkeit dieser Identitätsstruktur mit der vermeintlichen öffentlichen Wahrnehmung verbunde.

„Manchem steht beim Gedanken der Öffentlichkeit der imaginäre Leser der ‚Bild’-Zeitung oder der nicht minder imaginäre, in der Masse versinkende Besucher des Fußballspiels vor Augen: Das wehrlose Objekt der Manipulation, passiv, nicht zu eigener Prägung der Ansprüche seiner Rollen, geschweige denn zum Protest in der Lage.“ (Dahrendorf)

 Kultur und kulturelles Gedächtnis sind die maßgebenden konstanten bei der Gestaltung von Wir- und Ich- Identitäten. Das Verständnis von Kultur ist Voraussetzung für das Zustandekommen von Gedächtnis und Identität: „Kultur wird in diesem Sinne verstanden als der historisch veränderliche Zusammenhang von Kommunikation, Gedächtnis und Medien“ Aufgabe der Kultur ist es, dem Individuum den Eintritt in eine diachrone zeitliche Einordnung mittels eines reproduzierenden Gedächtnisses zu ermöglichen. Dieses kulturelle Gedächtnis findet seinen Ausdruck in öffentlichen Diskursen deren affirmative Kommunikationsinhalte identitässtiftend auf die einzelnen Akteure wirken.

Der Begriff „Identität“ umfasst das gesamte Spektrum der Antworten auf die Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wer werde ich sein? Wer will ich werden? Demnach beschreibt der Identitätsbegriff, den ich hier verwende, nicht ein allgemeines identitätstheoretisches Konzept, sondern das „Ich-Bewusstsein“ oder „Selbst“ das „während sozialer Interaktionen auf Grund von Rolleninternalisierung aus der Dialektik der Identifikation von, durch und mit anderen und der Eigenidentifikation“ entsteht. Die Identität entspricht also dem Autostereotyp bei Erving Goffmann, der als „[…] das Selbstbild, das ein Handelnder von sich hat und das von den Handlungspartnern bezeichnet wird“. Aus der Anerkennung des Selbst wiederum konstruiert das Individuum seine Identität.

„Hieraus folgt, dass Identität weder als dinghafte, statische Größe (wie es die Vorstellung von einem Persönlichkeitskern nahe legt), noch als einfach gegeben zu verstehen ist, sondern als der von der oder dem einzelnen immer wieder zu bewerkstelligende, am Schnittpunkt von gesellschaftlicher Interaktion und individueller Biographie stattfindende Prozess der Konstruktion und Revision von Selbstbildern“.

Identitätsbildung ist also ein dynamischer Prozess der durch affirmative u.o. korrigierende Kommunikation angeschoben und in Gang gehalten wird. Da Identität also weder genetisch bedingt oder mystisch prädestiniert bzw. statisch ist können sich die Selbstbilder des Akteurs niemals aus sich selbst konstruieren → der Akteur ist quasi „um seines Selbst willen“ auf die Gruppe angewiesen.

“one looks in and through the eyes of the other; one needs the other’s gaze to constitute oneself as self” Isolationsfurcht ist also nicht bloß die Angst vor dem allein sein, sondern gleichzeitig mit der essentiellen und viel tieferen Angst vor einem Identitätsverlust verbunden. Das „Festhalten“ an politischen Stühlen liegt zu einem Großteil in der Furcht vor einem substantiellen Identitätsverlust, durch das abhanden kommen einer bestätigenden Öffentlichkeit, begründet

„Ein Identitätsverlust tritt häufig bei gravierenden Veränderungen in den sozialen Bezügen auf: […] Verlust des Arbeitsplatzes, Scheitern bei […] Abschlussprüfungen. Das Selbstbild wird massiv gestört oder beschädigt“ . Kultur, Gedächtnis, Identität und die Öffentlichkeit als der soziale Bezugspunkt in dem sich diese Begriffe manifestieren und verfestigen, sind demnach die Einheiten deren Ausdruck die Isolationsfurcht eigentlich darstellt.

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