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Das Inzestverbot und der Vorwurf der Euthanasie – eine Replik

Der liberale Aufschrei im Anschluss an die Veroeffentlichung des Urteils des EuGh hat mich fasziniert. Selbst die eher konservativen Blaetter im Printmedienwald sprachen sich fuer eine Abschaffung des Inzestverbots in Deutschland aus. Eine wichtige Argumentatinsgrundlage zur Stuetzung dieses Anliegens ist verbunden mit dem Vorwurf, dass ein Festhalten am Inzestverbot in und durch den Gedanken der Euthanasie begruendet waere. Diejenigen, die dieser Argumentation folgen, tun dies aufgrund der nationalsozialistisch verhuellten Begrifflichkeit: Euthanasie als systematische Ermordung psychisch kranker, geistig und koerperlich behinderter Menschen. Das Argument liest sich in Folge dieser Definition so: „Das Ziel des Verbots ist im Ergebnis, was die Nazis als „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ bezeichnet haben.“ (SZ) Wie viele andere auch geht z.B. @temelchen in ihrem Blogeintrag „Inzest-Verbot endlich abschaffen“ von dieser definitorischen Grundlage aus. Das Problem liegt im Verständnis des Begriffes und seiner Deutung im aktuellen Zusammenhang:

1. Euthanasie (gr.; schöner, leichter Tod“) beschreibt die absichtliche Herbeiführung des Sterbens, besonders durch Schmerzlinderung mit Narkotika. Sowie die absichtliche Herbeiführung des Todes bei unheilbar Kranken durch Medikamente oder durch Abbruch der Behandlung. Im Falle des Inzestverbots geht es um staatliche Prävention, nicht um die Verneinung von Leben generell. Aus staatlicher Sicht macht das Inzestverbot durchaus Sinn. Ganz pragmatisch steht hinter dem Inzestverbot der Versuch das Risiko behinderten Lebens zu minimieren – das hat ersteinmal nichts mit Euthanasie zu tun, sondern ist – so höhnisch sich das in den Ohren der Befürworter anhört – ein Akt der Fürsorge. Von Euthanasie im Sinne des Begriffs kann erst im Falle einer bewussten Tötung behinderten Lebens gesprochen werden.

Inzestuöse Beziehungen zu verbieten, weil das Risiko geschädigter Kinder um bis zu 25% höher liegt, ist aus Sicht des Gesetzgebers durchaus legitim (er darf so denken, ob er es auch muß steht auf einem anderen Blatt Papier und müßte im Zweifelsfall von Staatsrechtlern geklärt werden), denn er hat ein virulentes Interesse an einer „gesunden“ Gesellschaft. Noch einmal: Das bloße Verbot inzestuöser Beziehungen zur Risikominimierung  behinderten Lebens hat noch nichts mit Euthanasie zu tun.

2. An dieser Stelle höre ich den (berechtigten) Aufschrei derer die sagen, dass behindertes Leben nicht mehr oder weniger wert ist als „gesundes“ Leben – vollkommen richtig! Genau hier läuft die Argumentation der Gegner des Inzest-Verbots aber Gefahr sich zu verfangen und in Doppelmol abzugleiten. Wenn behindertes Leben so vehement bejaht wird, dann ist es unsere Pflicht auch über die Präimplnatationsdiagnostik, Fruchtwasseruntersuchungen und sämtliche andere vorgeburtliche Diagnosetechniken nachzudenken, die in vielen Fällen dazu dienen, Leben zu klassifizieren (behindert, nicht behindert) und ggf. zu beenden (auf den Herzstationen der Kinderkliniken gibt es immer weniger Trisomie 21 Patienten). Das ist ein zweifellos schwieriger Bereich über den sich Religionsvertreter und Philosophen seit vielen Jahren die Köpfe zerbrechen. Mal angenommen das Inzestverbot würde aufgehoben und künftige Geschwisterpaare erführen während der Schwangerschaft von  Behinderungen ihres Kindes, dürften sie dann Gebrauch von der Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs machen? Folgt man der Argumentation der Gegener des Inzest-Verbots müßte die logische Antwort „Nein“ lauten.

One thought on “Das Inzestverbot und der Vorwurf der Euthanasie – eine Replik

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