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Nein, Jugendliche sind KEINE Kinder!

Beginn der Twitter Konversation zwischen @waldfee und @amsellen

Ich habe beruflich viel mit Jugendgruppen und Multiplikatoren zu tun. In diesem Kontext bekomme ich immer wieder mal mit, dass politische Bildner und Multiplikator/innen (z.B. Lehrer/innen und Sozialpädagog/innen) von ihren 16 bis 18jährigen als „unsere Kinder“ sprechen. Ich finde das äußerst bedenklich; mitunter sogar verheerend.

Auf dem Weg zum – nennen wir es der Einfachheit halber – „Erwachsen werden“ (hineinwachsen in größer werdende Verantwortungsbereiche) ist die semantische Zuschreibung „Kind“ ein Mistrauensbeweis. Einen Jugendlichen als „Kind“ zu bezeichnen impliziert die Annahme, dass ein Jugendlicher nicht in der Lage ist bzw. nicht in der Lage war sich aus kindlichen Verhaltensmustern herauszulösen. D.h. man hält ihn für nicht in der Lage, Eigenverantwortung zu Entwicklung, sein eigenes Verhalten zu reflektieren, kreative Lösungsstrategien selbstständig zu entwickeln etc.

Die Arbeit im Europa-Haus Marienberg (@thinkeurope) mit Jugendlichen ist immer Projektgebunden. Jugendliche kommen in unsere Seminare und wir arbeiten zu Themen, die ihnen zunächst fremd sind oder aber in neuen Kontexten betrachtet werden (Europa, ePartizipation, Digitalität, Interkulturalität – kurzum: non-formales Lernen). Diese Art des Lernens unterscheidet sich grundlegend von dem was die Jugendlichen aus der Schule kennen und stellt sie vor völlig neue Herausforderungen. Ein Beispiel: Die Jugendlichen wollen innerhalb eines Seminars ein interaktives Video mit mozillapopcorn.org zu dem Thema Data-mining erstellen. Ein Kind kann man mit so einer Aufgabe nicht losziehen lassen. Von Jugendlichen kann ich / will ich aber genau das erwarten – eine Auseinadersetzung mit etwas Neuem, den Versuch sich selbstständig und kreativ mit – in diesem Fall – digitaler Technik und netzbasierten Möglichkeitenvertraut zum Zwecke theamtischer Vertiefung vertraut zu machen.

Das Problem ist nicht so sehr die Anwendung des Wortes „Kind“ auf einen Jugendlichen (die an sich schon ärgerlich genug ist), sondern vielmehr das Konzept, sobald es Wirkung entfaltet. Meine Beobachtung ist: Jugendliche, die als Kinder beschrieben und entsprechend behandelt werden verhalten sich vielfach entsprechend. Im Seminar sind viele nicht in der Lage sich selbst (oder innerhalb ihrer Gruppen) Lösungen zu Problemstellungen zu erarbeiten, ohne sich fast schon zwanghaft rückzuversichern, dass was sie da tun auch „richtig“ ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll sein kann, sich aus dem Seminarraum zurückzuziehen und als Ansprechpartner (für eine gewisse Zeit) einfach nicht zur Verfügung zu stehen. Die Jugendlichen fangen dann an selbstständig und kreativ zu arbeiten und ihre Projekte tragen am Ende auch ihre Handschrift – nicht meine (an dieser Stelle muss man sich auch Gedanken im Umgang mit richtig und falsch machen). Anekdote: Meine Tochter (5), ist ein echtes Verkehrsrisiko, wenn sie mit mir zusammen durch die Stadt läuft. Wenn ich mich an einer roten Ampel bewege, dann kann es vorkommen, dass sie meine Bewegung als Aufforderung über die Strasse zu laufen interpretiert. Der Verkehr und seine Gefahren existieren nur noch in der Abhängigkeit von mir. Folglich kann eine Misinterpretation meines Verhaltens vor der roten Ampel schlimm enden. Ist sie allerdings allein unterwegs und auf ihr eigenes Urteilsvermögen bzw. ihre Kenntnis der Verkehrsregeln angewiesen, dann ist sie unglaublich sicher unterwegs.

Jugendliche als Kinder zu bezeichnen, nimmt ihnen unglaublich viele Möglichkeiten. Wir wünschen uns mündige, entscheidungsfreudige und kreative Generationen. Jugendliche als „Kinder“ zu bezeichnen und auch so zu behandeln resultiert oftmals in dem Phänomen der self-fullfilling-prophecy: Jugendliche, die sich wie Kinder verhalten und Lehrer/innen bzw. Multiplikator/innen die sich dadurch in ihrer Annahme bestätigt sehen,dass man diese „Kinder“ begleiten und anleiten muss. Natürlich müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, aber innerhalb dieser „Eckdaten“ sollten Jugendliche so viel Bewegungsfreieit haben, dass sie selbstständig der self-fullfilling-prophecy „Kind“ entgegentreten und entwachsen können.

5 thoughts on “Nein, Jugendliche sind KEINE Kinder!

  1. Vielen Dank für diese gelungene Darstellung.
    In diesem Zusammenhang ist es glaub ich auch noch mal interessant sich von der Perspektive auf die Jugendlichen zu lösen und zu schauen, woher das Bedürfnis Erziehender/ Bildender kommt andere Menschen von sich selbst abhängig zu machen.
    Imho auch als Pädagoge sollte es höchstes Ziel eines jeden von uns sein sich selbst überflüssig zu machen, weil erst dann ein Bildungsprozess als erfolgreich angesehen werden kann.

  2. Die Verwendung des Wortes ‚Kind‘ liegt sicherlich auch daran, dass kein anderes gut passendes Wort gebräuchlich ist. ‚Jugendliche‘ ist zwar immerhin geschlechtsneutral, aber wenn man versucht ‚unsere Jugendlichen‘ zu sagen, merkt man, dass dort irgendwelche Bedeutungen mitschwingen, die das unpassend machen. Bei ‚Schüler‘ muss man im pädagogischen Bereich immer ‚Schüler und Schülerinnen schreiben‘, was sinnloser Weise zu der tollen Abkürzung ‚SuS‘ führt. So will man Personen eigentlich auch nicht nennen (wird aber an den Universitäten durchaus so getan).

    Es ist also durchaus nicht einfach ein „Bedürfnis Erziehender/ Bildender andere Menschen von sich selbst abhängig zu machen.“

    1. Es ist auch nicht so, dass ich ein bewusstes „abhängig machen“ unterstelle. Es geht um den Effekt des Vokabulars und das daraus resultierende Hemmnis sich selbst von Verantwortlichen hin zur Verantwortlichkeit zu emanzipieren. Das Problem ist die Zuschreibung der Attribute, die mit dem Wort „Kind“ verbunden sind (gewollt oder nicht gewollt).

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