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(imaginäre) Öffentlichkeit, Stürme aus Scheiße und die Schweigespirale

Der Umgang mit der öffentlichen Meinung ist / muß ein Thema für all jene sein, die im Internet publizieren – unabhängig von inhaltlichen Schwerpunkten. Es gibt Menschen, die publizieren sich in der Regel selbst. Andere publizieren (tages-)aktuelle Inhalte (oder das was sie dafür halten). Eins haben alle gemeinsam: Sie produzieren für ein Publikum. Damit stellt sich die Frage nach der öffentlichen Meinung von ganz allein: Was kann ich veröffentlichen? an welchen Stellen sind die Grenzen des guten Geschmacks erreicht?Der „Publizist“ verantwortet sich in der Phase der Selbstreflexion immer vor seinem imaginären Publikum. Mich selbst kommt bei dieser Fragestellung und dem Prozess den diese in Gang setzt, das Konzept der „Schweigespirale“ von Elisabeth Noelle Neumann in den Sinn.

E. Noelle-Neumann geht bei der Konzeption der Theorie der Schweigespirale davon aus, dass der soziale Verbund als Teil der Öffentlichkeit, nonkonforme Mitglieder mit dem Ausstoß aus, oder der Isolation in der Gruppe bedroht. Die Furcht vor der Isolation veranlasst das Individuum dazu, sich ständig einen Überblick über die gebilligten Meinungen und Verhaltensweisen seiner Umwelt zu verschaffen und das eigene Verhalten zu einem gewissen Grad auch dann diesem vermeintlichen Konsens anzupassen, wenn es seinen persönlichen Interessen oder eigenen moralischen Ansichten widerspricht.

In der Konsequenz muss dieser Sachverhalt bedeuten, dass die Selbstreflexion zu einer Art „angenommener Konformismus“ führt, weil die öffentliche Meinung (wahr oder nicht wahr) korriegierend in das Schreibende „Selbst“ eingreift. Wahrscheinlich trifft dieser Sachverhalt noch am ehesten auf jene zu, die im Netz mit ihrem eigenen Namen haften. So wie der Puppenspieler (Jeff Dunham als wahrscheinlich bekanntestes Beispiel) ungehemmt Juden- und Muslimwitze reißen kann, weil er sein „Selbst“ hinter dem Charakter der Puppe versteckt. Für all jene, die mit einem Klarnamen publizieren stellt sich zwangsläufig die Frage nach ihrer Identität, oder vielmehr danach wie diese sich im Netz und unter Einfluss der ständigen Öffentlichkeit entwickelt.

Gerd Reinhold beschreibt den Begriff „Identität“ umfasst das gesamte Spektrum der Antworten auf die Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wer werde ich sein? Wer will ich werden? Demnach beschreibt der Identitätsbegriff, den ich hier verwenden möchte, nicht ein allgemeines identitätstheoretisches Konzept, sondern das „Ich-Bewusstsein“ oder „Selbst“ das „während sozialer Interaktionen auf Grund von Rolleninternalisierung aus der Dialektik der Identifikation von anderen und der Eigenidentifikation“ entsteht. Identität entspricht also dem Autostereotyp bei Erving Goffmann, der als „[…] das Selbstbild, das ein Handelnder von sich hat und das von den Handlungspartnern bezeichnet wird“.Aus der Anerkennung des Selbst wiederum konstruiert das Individuum seine Identität.

Identitätsbildung ist also ein dynamischer Prozess der durch affirmative u.o. korrigierende Kommunikation angeschoben und in Gang gehalten wird. Da Identität also weder genetisch bedingt oder mystisch prädestiniert bzw. statisch ist können sich die Selbstbilder des Akteurs niemals aus sich selbst konstruieren → der Akteur ist quasi „um seines Selbst willen“ auf die Gruppe angewiesen. Isolationsfurcht (Im Netz auch Shitstorm genannt) ist also nicht bloß die Angst vor dem allein sein, sondern gleichzeitig mit der essentiellen und viel tieferen Angst vor einem Identitätsverlust verbunden. An diesem Punkt kommt die Schweigespirale ins Spiel.

Ich habe schon einige Male festgestellt, dass ich meine Meinung zu einem bestimmten Thema nicht geäußert habe, weil ich befürchtet habe einen zu konträren Standpunkt einzunehmen. „Öffentliche Meinung ist die Meinung im kontroversen Bereich, die man öffentlich äußern kann, ohne sich zu isolieren.“ Noelle-Neumann nennt öffentliche Meinung die „soziale Haut“ der Menschen. Die Haut in der er sich wohlfühlen muß bzw. dazu verdammt ist sich darin wohlzufühlen, weil er nun mal nur diese eine Haut hat. Die Haut als Bild der Identität kommt Noelle-Neumann dabei nicht mal in den Sinn, obschon diese Haut – die Äußerlichkeit eines jeden Einzelnen – genau dafür (auch) steht. Natürlich geht Identität tiefer und ist im genauen Wortsinn wohl eher im Bereich der Metaphysik zu veroreten, dennoch ist diese Haut das was wir retten müssen, wenn es hart auf hart kommt. Und genau das ist der (Not-)Fall, der eintritt wenn ich mich ganz bewusst in eine unpopuläre und extrovertierte Position begebe. Es ist im Wort wörtlichen Sinne, der Schnitt in die eigene Haut. Deshalb lese ich ich auch so viele Blogs und Tweets im Konjunktiv – der Konjunktiv als ein Schutzschild an dem Kritik abgleitet, weil sie keinen Halt findet. Mich würde doch sehr interessieren wie all jene sich zu bestimmten gesellschaftspolitischen Bereichen positionieren würden, hätten sie nicht eine geballte Sanktion ihrer – durch ihre sozialen Netzwerke – eigenen Öffentlichkeit zu fürchten. Einen Sturm aus Scheiße… oder die Furcht vor der Isolation.

5 thoughts on “(imaginäre) Öffentlichkeit, Stürme aus Scheiße und die Schweigespirale

  1. es wäre ja auch seltsam, wenn gruppendynamische prozesse in der netzkommunikation ausgehebelt wären. der umstand, dass es sich im netz nicht um konstante und bekannte sondern eher liquide öffentlichkeit handelt, macht vieleicht manches leichter, anderes schwerer, aber das grundthema der balance zwischen wagnis und bestätigung bleibt doch bestehen.-
    den verinnerlichten druck zur konformität und die kultur der rechthaberei ohne nachfragen und toleranz werden wir so einfach nicht los. das ist arbeit. ich selbst halte es so, dass ich jeweils taxiere, was ich mir selbst gerade zumuten will (an vorgestellten negativen reaktionen). das kann je nach tagesform sehr unterschiedlich sein. und ja, es ist ja immer eine selektive authentizität (Ruth Cohn), einem diktat von totaler offenheit möchte ich mich nicht unterwerfen.

    1. Das Phänomen ist doch, dass wir im Sozialen Netz eine völlig neue Art der Öffentlichkeit vorfinden – Nicht neu im Sinne von „noe dagwesen“, sondern im Sinne von „nie selbst erlebt“. Was Publizisten schon lange kennen, kommt für uns doch relativ unerwartet: Die Auseinandersetzung mit einer breiten, heterogenen Öffentlichkeit. Der Memfaktor kann dabei nur noch einschüchternder wirken… welcher meiner Beiträge zieht Aufmerksamkeit auf sich? Warum? Warum nicht? Und plötzlich geht es los. Wir stehen vor denselben Fragestellungen, die sogar Medienprofis kaum durchdringen (s. auch das Kommunikationsfiasko der Wulffschen Medienberater). Es geht ja auch gar nicht darum German Angst zu entfachen. Es ist vielmehr der Gedanke der freiwilligen Selbstbeschränkung aus Unsicherheit, Isolationsfurcht, Bequemlichkeit den ich bei mir selbst ab und an feststelle und dem ja auch diejenigen unterliegen, die eigentlich in der Lage sein sollten Aufklärungsarbeit zu leisten bzw. den Auftrag dazu haben.

      1. freiwillige selbstbeschränkung, ja, genau, für mich gibt es da eine bewusste, dynamische, und dadurch spielraum erweiternde, also sich von reaktionen (relativ) frei schwimmende, wie oben ausgeführt, und eine mechanisch-automatische …

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