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„Mad as hell!“ – Die Ökonomie der Bildung

Kulturabbau: Ein großes Wort. Und trotzdem: Was wir im Moment in der Finanzkrise erleben (Stichwort: Grundlegende Euroskepsis unter jungen Menschen und Renationalisierungstendenzen), stellt unserer Gesellschaft eine gemeinsame Bildungsfrage. Das Problem ist das grundlegend ökonomisierte Verständnis von Bildung. Jungen Menschen werden mit Wissen gefüttert, das in erster Linie dazu dienen soll einen hohen persönlichen Lebensstandard herzustellen. Es geht heute vielfach um die systemische Einfütterung von Konditionen für den wirtschaftlichen Erfolg in einer Gesellschaft (Besitzstandswahrung und Vermehrung). Bildung kann nicht bedeuten, dass Lernende mit (ökonomischem) Wissen überhäuft werden. Hinter dem Diskurs, der sich mit der Lösung der Finanzkrise beschäftigt, verbirgt sich die viel grundlegendere Frage nach einer stärker geisteswissenschaftlich geprägten Bildung – einer Bildung die mit der Vermittlung von Wissen die Herausbildung von Bewusstsein zum Ziel hat. Nochmal: Bildung geschieht dann, wenn Wissen in Bewusstsein transferiert wird!

Die Frage, die sich nun stellt: „Wie kann das geschehen?“ oder „Warum geschieht das nicht?“ Gegenfrage: Was ist eigentlich aus den sogenannten Erziehungstexten geworden (schrecklicher Begriff, zugegeben!)? Es fängt an mit den klassischen Märchen wie z.B. „Der Fischer und seine Frau„: „Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje‘ Buttje in der See, Meine Frau, die Ilsebill, Will nicht so, wie ich gern will“ Wer dieses Mädchen als Kind gelesen hat wird sofort einen eklatanten Widerspruch zur Geiz- und Giergesellschaft feststellen. Diese Liste lässt sich fortsetzen und reicht bis zum neuen Testament (das selbst im Religions- und Ethikunterricht nur noch selten gelesen wird). Tatsache ist, dass diese Texte immer weniger im Schulunterricht vorkommen. Die Lehrpläne der Schulen werden (auch) von den marktwirtschaftlichen Ansprüchen diktiert. Der Ruf nach mehr Praxisbezogenem Lernen ist richtig, sollte aber nicht zu Lasten einer geisteswissenschaftlichen Grundausbildung gehen. Texte die menschliches Schicksal reflektieren, menschliches Versagen thematisieren oder menschlichen Mut und Courage beschreiben werden kaum noch gelesen (was mit Sicherheit auch daran liegt, dass junge Menschen diese Texte gar nicht mehr lesen können, selbst wenn sie wollten).

Wenn ein junger Mensch die Antigone liest (und versteht), dann wird er sich mit dieser Person identifizieren und zum Beispiel vor die Frage gestellt: „Wie wichtig ist mein Gewissen gegenüber den Befehlen der Obrigkeit?“ Die Ausrede für das Nicht-lesen klingt dann meist so: „Ach, das behandeln wir im Ethikunterricht!“ Problem daran ist die Art und Weise wie in diesem Fach gearbeitet wird; nämlich oftmals in Theorie und Abstraktion.Diese Beobachtung ist im Kern alles andere als neu. Über eine Deintellektualisierung und Deästhetisierung der Gesellschaft werden immer wieder Debatten geführt. Schon Mitte der 70er Jahre klagt Howard Beal (TV-Moderator in Sydney Lumets Komödie „Network“) den Zustand dieser Gesellschaft an.

Das traurigste an diesen Debatten – sie werden vom Eskapismus eingeholt. Das Netz und diejenigen, die sich darin herumtreiben (mich selbstverständlich eingeschlossen) hat eine geringe Aufmerksamkeitsspanne. Wir empören uns genau solange, bis sich vor uns die nächste Front auftut, die nächste Digitale Sau durchs Netz getrieben wird… bis der nächste Blogpost unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Shitstorms ziehen schnell vorüber und wenn es nicht um unser Geld geht, dann sind wir nur selten in der Lage intrinsische Motivation – geschweige denn echte Leidenschaft – für ein Thema aufzubringen. Das ist natürlich sehr schwarz gemalt. Ich packe den Ritalin verteilenden Moralapostel deshalb auch schnell wieder ein. Ich weiß ja, dass das Netz auch deshalb liebenswert ist, weil dort eine Gemeinde verkehrt die über reine Zustimmung oder Ablehnung hinausdenkt. Ein Weiterdenken, das eben auch bedeutet, junge Generationen mit der Fähigkeit zur Reflexion auszustatten. Eine geisteswissenschaftliche Bildung wird immer dazu führen, dass Verständnis und Bewusstsein zur Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge und Misstände hergestellt wird. Und das bitte mit Leidenschaft:

Howard Beal:             I don’t want you to riot.  I don’t want you to protest.  I  don’t want you to write your congressmen.  Because I wouldn’t know what to tell you to write. I don’t know what to do about the depression and the inflation and the defense budget and the Russians and crime in the street.  All I know is first you got to get mad.  You’ve got to say:  „I’m mad as hell and I’m not going to take this any more.  I’m a human being, goddammit.  My life has value.“  So I want you to  get up now.  I want you to get out of your chairs and go to the window.  Right now.  I want you to go to the window, open it, and stick your head out  and yell.  I want you to yell: „I’m mad as hell and I’m not  going to take this any more!“

3 thoughts on “„Mad as hell!“ – Die Ökonomie der Bildung

  1. Revolution jetzt! 😉 Die Schlussworte von Howard Beal sind jedoch ein echter Schlüssel. Das wusste auch Peter Lustig: Fernseher abschalten.
    Auch Noam Chomsky sieht das als den ersten Schritt. Hier im Interview:

    Robert Foster: Wie beenden wir den Terrorismus?
    Noam Chomsky: Da gibt es eine einfache Methode?
    Foster: Welche?
    Chomsky: Hören sie damit auf, sich daran zu beteiligen.
    Foster: Was ist ihrer Meinung nach die größte Bedrohung des Friedens?
    Chomsky: Unsere Ignoranz
    Foster: Und wie überwinden wir diese?
    Chomsky: Schalten Sie als erstes einmal ihren Fernseher aus.

    hier geht es zum Video (Interview bei 5:13):
    http://youtu.be/j-rxe9Ayb8c?t=5m13s

    „Fernsehen ist wie kaputtes Youtube“ (Teenie) 😉

  2. @empeiria Ganz großartige Stelle!

    @amsellen

    In meinem Umfeld haben viele Leute keinen Fernseher mehr oder schauen kaum noch fern. Pauschal nicht fernzusehen ist für mich eine Reaktion darauf, dass das Medium mich verführt, meine Rationalität über Bord zu werfen. Denn eigentlich gibt es ja auch im Fernsehen Gutrecherchiertes, Tiefergehendes. Nur ertrinkt das im Rest, das zu finden und sich dafür zu entscheiden kostet Kraft. Und so zappe ich dann doch herum und bleibe an Sendungen hängen, mit denen ich bei genauer Überlegung eigentlich keine Zeit verbringen will.

    Beim Netz ist das ähnlich, es kommt eben darauf an, wie wir es nutzen, welchen Umgang wir damit finden, wie stark wir uns von den Eigenschaften des Mediums wie Fernbedienung, Browser-Tabs und Linkrotatoren beeinflussen lassen.

    Im Netz entsteht Tiefe anders als in dicken Büchern. Du hast recht, dass die kollektive Aufmerksamkeit sehr flüchtig ist. Sie ist für einen kurzen Moment da und dann sehr groß. Aber ziemlich schnell wandert sie weiter.

    Wenn man sich Themenblogs anschaut, oder überhaupt Blogs, in denen sich einzelne Leute mit den Themen beschäftigen, die sie wichtig finden, zeigt sich das Netz aber von einer anderen, stabileren Seite. Und auch die kollektive Aufmerksamkeit kommt immer wieder zu denselben Themen zurück: Blogposts folgen aufeinander, ergänzen sich, werden kommentiert, verlinkt, können immer wieder abgerufen werden. Das ist eher wie ein Puzzle, kann aber auch in die Tiefe gehen.

    Für mich ist genau das der große Vorteil gegenüber der alten Einwegpresse. Wenn das Thema im klassischen Mediensystem durch ist – und dazu können auch Webseiten gehören, die wie Presse funktionieren – wird es immer noch irgendwo im Netz weiter diskutiert. Auch wenn es gerade nicht ”aktuell” ist oder schon letzte Woche lief, oder wenn es nicht in den Zeitgeist passt. Und irgendwann schwappt es dann vielleicht kurz nach oben und kriegt seine Welle der Aufmerksamkeit.

    Ich würde also sagen, im Netz kann man sich gerade in Themen versenken, statt vor ihnen zu fliehen.

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