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von der digitalen Arroganz

Ich plane von der anderen Seite des digitalen Pferdes zu fallen. Ob das nun die linke oder die rechte Seite des Pferdes ist, das hängt wahrscheinlich davon ab, ob man vor dem Pferdearsch steht oder dem Gaul ins Maul schaut. Die Lobpreisungen des Netzes mögen alle wahr und richtig sein – die Hierachien scheinen zu verflachen, jeder kann seine Stimme in der Öffentlichkeit platzieren, direkte Demokratie, neue Bildungswege etc.

Neben alledem ist das Netz, aber auch der Ort an dem sich eine völlig neue Art der Arroganz herausbildet. Hierzu ein paar Gedanken; mehr oder weniger ungeordnet und sicher nicht empirisch belastbar. Es geht also eher um einen Eindruck, ein subjektives Kopfgeschüttel…

Der Begriff der Schwarmintelligenz wird ein Mythos bleiben bzw. immer nur in einem relativ kleinen Mikrokosmos gelebt werden, weil wir nun mal keine Herdentiere sind. Der Stolz des Individuums will immer das Eigene gewürdigt sehen. In Schwarmprozessen geht es nur um das Ziel, niemals aber um die Wegbereiter. Unsere eigene „Entwürdigung“ zum Wohle des größeren Ganzen widerspricht unserem humanistischem Denken zutiefst. Der Individualismus hat es uns gesagt: „Du bist wichtig, deine Erkenntnisse einzigartig und deshalb auch entsprechend zu würdigen.

Wir wollen hervorstechen. Wir wollen, dass Menschen uns im Netz lesen, uns folgen und unsere Werke mit gedrückten Like-Buttons und kleinen Sternchen und Herzchen versehen. Letzendlich werden OER Projekte immer mit diesem Phänomen zu kämpfen haben, dass Schaffende als solche erkannt werden wollen und nicht in der Masse eines kollaborativen arbeitenden Schwarms untergehen möchten.

Auf Twitter ist dieser Hang zum individualistischen Egozentrismus, klar zu erkennen. Hier beschweren sich Menschen regelmäßig über Gedankenklau und die Weiter- bzw. Wiederverwertung ihrer „ach-so-wichtigen-Gedanken“. Auf Twitter begreift sich jeder selbst als König, als Urheber, als kreativen Schaffer. Und obwohl diese Haltung völlig verständlich ist, entsteht der Eindruck, dass virtuelle Aufmerksamkeiten und Bestätigung (fav, mention, RT) vor allem eins hervorrufen: digitale Arroganz und Elitedenken.

In einem politischen Bildungskontext führen diese Haltungen zu einem merkwürdigen Partizipationsverständnis. Hat die Prekarisierung einer Gesellschaft in der Vergangenheit meist zu einer Bottom-Up Reaktion geführt, ist es heute ein Schlagabtausch auf Augenhöhe – nicht weil die Elite durch die Digitalisierung breiter geworden wäre, sondern weil der Begriff  „Elite“ durchlässiger geworden ist. Heute meinen wir alle einer Elite anzugehören. Wir schreiben nicht länger nur über „uns“, sondern üben Politik- und Bildungskritik an „denen“, um ständig sicher zu stellen, dass wir unserer einfachen (analogen) Herkunft entwachsen sind.  Als netzaffine Gemeinde haben wir längst einen eignen Duktus entwickelt, der zusätzlich dokumentiert, dass wir nicht mehr zu „denen“ da unten gehören.

Wer ständig die Rückmeldung bekommt „du bist gut“, „was du sagst und schreibst macht Sinn“ glaubt es am Ende auch – unabhängig von der Quelle der Bestätigung. Es ist der „Des-Kaisers-neue-Kleider-Effekt“. Es wird anhaltend digitaler Beifall gespendet, obwohl die Äußerungen zunehmend substanzlos werden. Bestes Beispiel: Eine junge Politikstudentin aus Bonn, die so lange bejubelt wurde, dass sie am Ende meinte, sogar ein Buch schreiben zu müssen.

Während unserer Triumphzüge durch das Netz wünsche ich uns allen diesen einen Menschen, der uns stetig und leise zuflüstert: „Respice post te, hominem te esse memento“ („Sieh dich um; denke daran, dass auch du nur ein Mensch bist“)

2 thoughts on “von der digitalen Arroganz

  1. gut, dass mal jemand bemerkt: im
    Netz stehen schon auch ne Menge Vollpfosten rum.
    was ich nicht verstehe: die mäkelei am
    Individualismus. ich gehe davon aus, dass das Netz beides sehr gut möglich macht, prinzipiell: Kollaboration mit zB amsellen, den ich sonst nie kennen gelernt hätte. und: die Originalität zur Geltung zu bringen. tatsächlich macht das netz ja die Individualität auch erst sichtbar. wer kannte e.g. schon sascha lobo oder @anked. (Rechtschreibung by Steve)

  2. Det er hvad det er i dag. Det er den nye form for fællesskab og muligt selv by. Vi lever i virtuelle byer vores interesse, heppede på af dem, der gerne lignende ting. Det er helt ideelt, tror du ikke? Jeg vil give dig en „lignende“ og sige „godt gået!“ (help by google translate, not responsible for meaning! 😉 HA)

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