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BildungsErektion: Nachhaltiges Lernen vs. digitale Intervention

Der Begriff „Intervention“  ist durchaus positiv besetzt. Im Bereich der Bildung(spolitik) werden Bereiche der digital medialisierten Lehr- und Lernformen häufig als Intervention – der schnelle, wirkmächtige Eingriff in einen Missstand- begriffen. Insbesondere das projektbasierte Lernen, tendiert dazu die starke Kampagnen-Charakteristiken einer Bildungsintervention zu entwickeln. Der Ansatz des nachhaltigen Lernens tritt an genau diesem Punkt hinter die Erzeugung wirkmächtiger Eindrücke zurück – das projektbasierte Lernen läuft Gefahr zu einer Marketingstrategie für sich selbst zu werden. Das Ergebnis ist eine l’art pour l’art Bewegung und wir sehen eine Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt.

Die Digitalisierung des projektbasierten Lernens (Methodik und Didaktik) ist dabei besonders gefährdet, denn sie möchte in einem vergleichbar kurzen Zeitraum ein Maximum an Wirkung erzielen. Kurzfristige Projekte haben häufig Interventionscharakter und haben den schnellen Eingriff und damit die Erzeugung von Aufmerksamkeit zum Ziel. Die Kurzfristigkeit von Projekten im Allgemeinen und in Bildungsprojekten im Besonderen, verkommt häufig zu einer bequemen Variante der Revolution. Die Rhetorik in der (digitalen) Bildungslandschaft macht diesen Umstand deutlich: Wir reden im projektbasierten Lernen häufig davon, dass wir „Incentives“ setzen wollen – die Rhetorik des Marketings und der Werbestrategen hat Einzug gehalten und führt den Gedanken von Bildung (Schaffung von Bewusstsein) ad absurdum. Die Kurzfristigkeit von Projekten und projektbasiertem Lernen, scheint dem (ohnehin überstrapazierten) Gedanken der „Nachhaltigkeit“ den Gar vollends auszumachen. Und so drehen sich (Bildungs-)projekte häufig im Kreis und dabei um sich selbst.

Der Einzug der digitalen Medien in die Bildung hat diese Gefahr noch vergrößert. Die Erzeugung von wirkmächtigen Bildern und (mehr oder weniger) viralen Videos ist so einfach geworden, dass wir schnell der Versuchung erliegen diese Instrumente kreativ zu nutzen, ohne uns ausreichend Gedanken über deren Sinnhaftigkeit zu machen. Dieser Umstand hat eher weniger mit Medienkompetenz zu tun. Da draußen im Netz gibt es genug Menschen, die sich mit der technischen Seite digitaler Medien auskennen und den Einsatz didaktisch gut verpacken können. Leider verkommt deren Einsatz schnell mal zu einem Selbstbefriedigungs-Habitus (#weilicheskann). An diesem Punkt drohen die digitalen Lehr- und Lernoptionen zur Taschenspielerei zu verkommen und der Modus des „Aufbegehrens“ verstellt zu schnell die Sicht auf den Blick nach vorne; auf die Anwendung des Dargestellten: (Bildungs-)projekte nehmen sich oftmals zu viel Zeit zur Erarbeitung des Staus Quo und widmen der Herstellung von Aufmerksamkeit zu viel Zeit – die Intervention verkommt zu einem kurzsichtigen Blick auf politische, kulturelle und soziale Umstände und Situationen.  Selbst der kreative – und auf den ersten Blick gelungene – Einsatz digitaler Medien (Film, Animation, Podcast, Gaming etc.) – ist nicht mehr als eine kreative Störung, wie wir sie von Situationisten aus den 70er Jahren kennen, wenn sie in der Gegenwart verharren und für sich selbst stehen. Nachhaltige Projektgestaltung sieht anders aus. Wir müssen / sollten besonders in diesem Bereich acht darauf geben, dass unmittelbare Handlungsmöglichkeiten und konkrete Anwendungsoptionen aus dem Lerngegenstand heraus entwickelt werden, sonst laufen wir Gefahr, dass sich die Realität unter der Bildungsintervention herduckt und uns enteilt. Und bevor wir es gemerkt haben, sind wir immer noch dabei z.B. die mangelhafte  Ausgestaltung wirksamen Klimaschutzes anzuprangern, während uns der Meeresspiegel bereits bis zum Hals steht. Eine Gegenmaßnahme wäre die engere Verknüpfung projektbasierten, non-formalen Lernens mit der formalen Lernkultur. Zwischen Schule und außerschulischer Bildung werden zu wenig Synergien entwickelt, sodass am Ende zu wenig voneinander profitiert und gelernt wird.

 

10 thoughts on “BildungsErektion: Nachhaltiges Lernen vs. digitale Intervention

  1. Wann wird die Lehrerausbildung in unserem Land um das Thema Medienkompetenz (und zwar fächerübergreifend!) umgestellt bzw. angepasst? Denn von „Können“ kann definitiv bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht die Rede sein.

  2. Hm, offenbar unterscheidet sich die außerschulische Projektmethode gewaltig von der Deweyschen, die ausgebildete Projektlern-Lehrer in der Schule verwenden.
    Was Du als Problem beschreibst deutet für mich darauf hin, dass die Projekte mehr zur narzisstischen Befriedigung der Projektleiter denn als Lernprozessarrangement für die Lerner gemacht werden. Alle, die später aufs Projektprodukt gucken, sollen „Ahhhh!“ sagen.
    Demgegenüber bezieht Projektlernen – demokratisch verstanden – von Anfang an die Lernenden in die Planung ein, und zwar nicht nur darüber, wie, sondern auch was gelernt werden soll. Der Lernprozess ist dabei mindestens ebenso wichtig wie das Produkt. Das Produkt ist eigentlich nur eine Externalisierung (Vygotskij) bzw. Artikulation (Jörissen) des im Prozess Gelernten und wird gebraucht, weil Lernen sonst nicht funktioniert. Und es ist ein Unterschied, ob das Produkt in erster Linie zum Vorzeigen gedacht ist oder als Dokumentation eines reflexiven Lernprozesses.

    Wenn Du hier also die „Nachhaltigkeit“ des Lernens einklagst, weist Du offenbar daraufhin, dass das Vorzeige-Produkt überbewertet im Fokus steht. („Wir machen was gaaaanz Tolles und dann kriegen wir den Dieter-Baake-Preis“).
    Das hat vielleicht damit zu tun, dass die außerschulischen Freelancer sich alle über tolle Projekte im Portfolio selbst vermarkten müssen, und ist dann sehr verständlich! In der Schule ist es ganz anders: die Projektlern-Situationen sind in der Regel Ausnahmen und sie stehen quer zum regelhaften Ablauf. Das hat dann wieder ganz andere Folgen.
    Ich finde es wichtig, unser Projektverständnis und solche Themen, wie Du sie in Deinem Post ansprichst, breiter zu diskutieren!

    1. Besonders an unseren breit angelegten internationalen Projekten beteiligen sich Jugendliche intensiv – auch und gerade in der Vorbereitung (teilnehmerzentrierter Ansatz). Wenn es darum geht gemeinsam Partizipationsstrategien zu entwickeln, dann können sich die Jugendlichen häufig nicht von der irrigen Annahme lösen, dass digitales Engagement und gute Arbeitsergebnisse nicht zwangsweise zu „Starrummel (als Synonym für Aufmerksamkeit)“ führen sollen. Das ist einer Generation, die sich selbst im Netz „vermarktet“ (Stichwort: Digitale Identitätsstiftung), nur schwer begreiflich zu machen. Denn positive „Aufmerksamkeit“ ist nun einmal verführerisch. Die sozialen Netze haben die jüngeren dahingehend „sozialisiert“, dass die Generierung von Aufmerksamkeit zur Momentaufnahme verkommt. Der Einsatz digitaler Medien ist von dieser Annahme / Einstellung ebenso betroffen. Der aktive (politische) Dialog in bzw. zu einer Sache ist für viele Jugendliche (im ersten Moment) nicht immer reizvoll, auch wenn er natürlich mit Aufmerksamkeit zu tun hat. Es ist ein schmaler Grat auf dem ich mich selbst in jedem Projekt bewegen muß.

      1. Vielleicht hat das Problem „Starrummel“ bzw. „Aufmerksamkeit“ v.a. da besonders Gewicht, wo die Jugendlichen freiwillig hingehen. In der Schule sind sie ja unfreiwillig, und dort müssen sie aufmerksam sein und kriegen selbst wenig Aufmerksamkeit.
        Ich hatte in meinem Projekt mit Kollegen und Schülern eine Woche „Wir besuchen die KZ-Gedenkstätte Neuengamme“ dann eben auch ganz andere Erfahrung: http://ewgprojektblog.wordpress.com

        Die SuS haben überhaupt nicht erwartet, dass sie von außen Aufmerksamkeit für ihre Lernergebnisse bekommen, aber dass es so war (Kommentare und Klickzahlen im Blog) hat sie natürlich mächtig angetrieben, noch mehr zu machen.

      2. Ich gebe Dir durchaus recht. Natürlich sind die Evaluationseinheiten und Auswertungen der einzelnen Projektphasen außerordentlich wichtig und bilden den Rahmen zur Feststellung der individuellen Bewusstseinsbildung. Nichtsdestotrotz gibt es innerhalb dieses Rahmens immer auch Indikatoren die sich zu dazu eignen Lernprozesse zu analysieren bzw. zu hinterfragen – öffentlich geführte Diskussionen (bei Jugendlichen finden diese in der Regel auf Facebook und nicht auf dem jeweiligen Blog statt) können Anhaltspunkte liefern – Likes und Clicks können das nicht. Der Affe und sein Zucker: Um im Bild zu bleiben – ich glaube das wir zuviel mit dem Zucker arbeiten, um mangelndes Interesse oder Leidenschaft auszugleichen. Natürlich wirkt das direkte Feedback motivierend und das soll es ja auch, aber ich würde trotzdem 2000 Clicks gegen eine intensiv geführte Diskussion eintauschen (die ja auch evaluiert werden kann), um den Jugendlichen klar vor Augen zu führen, dass ihre Stimmen nicht nur gesehen, sondern auch gehört und gesehen werden. Das Problem ist, dass die „Clickjäger“ dieses Ziel Phasenweise aus den Augen verlieren – Partizipation ist eben der Dialog und weniger die Statistik. Das ganze Feld ist so ungeheuer weit und bietet so extrem viele Möglichkeiten, dass ich es immer sehr traurig, wenn nicht sogar bedenklich finde, wenn eine Intervention ihre Wirkmacht ausschließlich in einem „Clickcontest“ entfaltet – Im Grunde sind wir uns in diesem Punkt ja auch einig, dass das wesentlich zu kurz gesprungen ist.

    2. Die Erfahrung machen wir auch. Unsere – in der Regel – 1 monatigen Projektblogs (aufgeführt in der Blogroll thinkeurope.net) kommen nach Projektende in der Regel auf ca. 6.000 – 10.000 Hits. Die Reichweite des Projektes und der Arbeitsergebnisse der Teilnehmer/innen ist natürlich faszinierend (für alle Beteiligten) und trotzdem bleibt immer dieser fade Beigeschmack bzw. die Frage: „Hat hier echte Auseinandersetzung, jenseits der Statistiken (Likes, Clicks etc.) stattgefunden. Der „echte“ Dialog zu einem politischen, sozialen, kulturellen Thema ist doch das große Ziel, weil man daran tatsächlich ablesen kann inwiefern Bewusstseinsbildung stattgefunden hat.

      1. Ob der Dialog „echt“ war und ob er zu einer Bewusstseinsbildung geführt hat, kann man nie wissen, denn in psychische Systeme kann man nicht messend und prüfend eindringen. (Das wollen die Pädagogen gerne und drum illusionieren sie es sich immer gerne.) Ob und was gelernt worden ist, muss man den Feedbacks entnehmen. Und selbst wenn viele Jugendliche in erster Linie „ihrem Affen Zucker geben“ müssen – das ist sehr verständlich und es ist auch ein nützliches Motiv, um etwas anderes zu lernen. Und mit der Beschäftigung mit dem Anderen ändert sich auch das Motiv. Lernmotive ändern sich dauernd.
        Ob sich was im Kopf getan hat, etwas „Nachhaltiges“ merkt man doch sowieso erst an der manchmal erst viel später erfolgenden Performanz im sozialen Kontext. Manche Kompetenzen lassen sich keinesfalls direkt nach dem äußerlichen Lernprozess erkennen und schon gar nicht messen. Denn weißt du wirklich, wo die einzelnen Jugendlichen in ihrem Kopf vorher gestanden haben?

  3. Gefällt mir gut zu clicken war mir zu wenig, denn dafür ist diese Generalabrechnung zu pauschal. Ohne zum Teil sehr teure multimediale Projekte geht’s nicht, wir müssen mithalten und wir dürfen nicht immer den „Päd. Zeigefinger“ raushalten. Medienkomptenzvermitung darf sogar Spaß machen. Ich habe auch keine Lust mehr außerschulische Projekte unbedingt mit Schulen verknüpfen zu müssen. Früher dachte ich, dass eine außerschulische Vernetzung eine gute Basis sei, um mehr Teilnehmer erzielen zu können, aber diese Zusammenarbeit erweist sich als oberflächlich, so lange Projekte nicht fortlaufend selbstkritisch dokumentiert werden. Nehme ich deinen Part als Generalabrechnung, dann fordere ich auch eine angemessene Bezahlung. Liebe Grüsse Gerald

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