Loading…

Replik „Vertigo by Prezi“: Mediendiaktik vs. Polylux-Modus

Nachdem der @karstenlucke und ich einen Artikel zum Thema „Präsentationen mit Prezi – Alternativen zu PowerPoint, Keynote & Co.“ für pb21 geschrieben hatten, blieben Reaktionen nicht aus. Einige dieser Reaktionen sind deshalb erwähnenswert, weil sie verdeutlichen , dass wir auf dem Weg sind den „Leitmedienwechsel“ / „edushift“ / medialen Paradigmenwechsel zu verschlafen. In der Facebookgruppe „Medienpädagogik“ entwickelte sich folgender Thread:

Facebook Thread

Besonders der letzte Beitrag von Wolfgang Ruge lässt mich stutzen:

„Also darum eine Bitte: Liebe Professionelle redet über Didaktik, über Präsentation (z.b. davon nicht nur einen Text abzulesen) redet auch über Technik – aber fangt nicht mit den Tools an…“

Wir alle haben schon PPTs mit gefühlten 65 Folien durchlebt und auch schlechte Prezis ertragen. Natürlich sollte die Bildung (formal und non-formal) wert auf die Vermittlung grundlegender Präsentationstechniken und rhetorischen Mund- und Handwerkszeug legen – das steht völlig außer Frage. Die Forderung des FB-Kommentatoren ist jedoch rückwärts gewandt, wenn es um netzbasiertes Arbeiten und Präsentieren geht. Prezi – wenn es in der Tiefe genutzt wird – steht dabei stellvertretend für eine neue Art des Lernens bzw. für die neuartige Verarbeitung von Informationen zum Zwecke der Weitergabe. Die Facebook Kommentatoren denken noch immer im Polylux-Modus (dasselbe tun im Übrigen viele Prezi-User und ich nehme mich selbst nicht von diesem Vorwurf aus).

Wir verstehen Präsentationen von Wissen und Informationen häufig als eine lineare Anordnung und damit oftmals auch als hierarchisch gegliederte Gedanken und Fakten: Nach Folie eins (Content-Verzeichnis) kommen die Folien 2 – 43 (Gliederungsstil „1.4.3“). Die visuelle Darstellung von Gedankengängen über eine Folie hinaus ist selten möglich und damit verklumpen Informationen und geraten in neurologische Isolationshaft. Ich gebe zu: Ein Worst Case Szenario. Aber so funktioniert Denken „inside the box“ meistens. Die Rekonstruktion von Gedankengängen wird dem Betrachter überlassen. Das Internet ist reflexiv und bietet damit Wege aus diesem Dilemma der Informationsisolation. Wer also „Internet denkt“ kann die Aufbereitung und die Verknüpfung von Informationen durchdringen und im besten Falle auch darstellen. Womit wir wieder bei den Präsentationstechniken und den passenden Didaktiken wären.

Die web-basierte Präsentation am Ende einer Lehr- und Lerneinheit ist nur ein Produkt und dabei nur selten die Summe aller gemachten Erfahrungen und Bildungsprozesse, die während der Produktion nötig geworden sind. Die Verwendung digitaler Medien erfordert – je nach Tool – völlig unterschiedliche Didaktiken. Wenn sich Lernende mit dem Netz und seiner Sozialität beschäftigen, dann ist die Auseinandersetzung mit kollaborativem Arbeiten, Visualisierung, Informationen die gleichberechtigt nebeneinander stehen und gefiltert werden müssen, embedding und die Darstellung von Gedanken im „Stream of Consciousness“, um nur einige zu nennen, schlicht unerlässlich.

Wir können natürlich – dem Vorschlag des FB-Kommentatoren folgend – erst einmal den Präsentations-Status-Quo auspacken und Lernende anhand linearer Präsentationsformate durch das didaktische Einmaleins der Präsentationstechniken prügeln. Das macht (keinen) Spaß und ist genau so lange sinnvoll, wie man die Digitalisierung der Gesellschaft und der Lernkulturen ignorieren kann. Ich will die „klassische“ Präsentationsdidaktik gar nicht per se verurteilen – einige der besten Präsentationen, die ich gesehen und erlebt habe, sind gänzlich ohne digitale Hilfsmittel ausgekommen und fanden auf Flipcharts und Meterplanwänden statt. Mich stört vielmehr die Eindimensionalität in der Wahrnehmung digitaler Medien. Diese Wahrnehmung wird ganz zwangsläufig dazu führen, dass diese Medien und sozialen Tools nicht eingesetzt werden, weil sie nicht zu Ende gedacht wurden. Da wird eine Prezi schnell mal zu einer „PPT im 2.0 Mäntelchen“. Da stört man sich an Rotationen und Zoomeffekten und stellt damit das Layout über Inhalte und Lernprozesse, die dahinter stehen können.

Keine Frage, das Neue muss moderiert werden, aber es bedarf einer weitergehenden didaktischen Aufbereitung als wir sie bisher kennengelernt haben. Wenn wir denUmgang mit Präsentationsformaten wie Prezi, Popplet, thinglink, Social Bookmarking z.B. Diigo, Dipity, Tiki-Toki, FB-Timelines, Wallwisher o.ä. Diensten vermeiden, dann können wir auch davon ausgehen, dass neue Didaktiken und überraschende Ergebnisse ausbleiben.

One thought on “Replik „Vertigo by Prezi“: Mediendiaktik vs. Polylux-Modus

  1. Hallo Anselm,

    Ich bin völlig bei Dir, wenn Du schreibst, dass die meisten PowerPoint-Präsentationen schrecklich sind. Die meisten Präsentationen sind wie ein Buch strukturiert („Unterpunkt 2.4.1“), sie sind hölzern und behäbig und verhindern dadurch wirkungsvolle Kommunikation mit den Zuhörern. Die Zuhörer haben schlicht etwas besseres, als solche Präsentationen verdient.

    Ich denke allerdings nicht, dass die Lösung gegen schlechte Präsentationen unbedingt in einer anderen Präsentationssoftware, wie z.B. Prezi liegt. Ich habe da aus zwei Gründen meine Zweifel.

    1. Wer sagt denn, dass PowerPoint-Präsentationen immer so sein müssen, wie sie meistens leider eingesetzt werden? Warum muss eine PowerPoint-Präsentation immer mit Textblöcken gefüllt sein? Wer sagt, dass sie immer eine Struktur à la „Kommen wir nun zu Punkt 3.2.5“ haben soll? Warum soll nicht auch eine Präsentation, die mit PowerPoint-Folien unterstützt wird, aus aufeinander aufbauende Ideen bestehen und sinnvoll strukturiert sein? Es spricht doch nichts dagegen, PowerPoint zur wirklich sinnvollen visuellen Unterstützung zu nutzen. So kann man auf PowerPoint-Folien ausschließlich großformatige Bilder zu zeigen, statt diese mit Textblöcken und Bulletpoints zu füllen. In diesem Zusammenhang kann ich nur den im Facebook-Kommentar zitierten Garr Reynolds mit seinem Buch „PresentationZen“ empfehlen.

    2. Sind Präsentationen mit Prezi wirklich immer so gut? Jetzt einmal vom Schwindelgefühl abgesehen, besteht nicht die Gefahr, dass ungeübte Referenten einfach nur unstrukturierte Gedanken auf die „Leinwand“ klatschen? Besteht nicht die Gefahr, als Referent vom schönen Look geblendet zu werden? Egal was man bei Prezi einfügt, es sieht eigentlich immer hübsch oder „cool“ aus. Selbst wenn die Ideen unausgereift sind, keinen roten Faden haben oder unwichtig sind, sieht alles trotzdem immer professionell und gut aus.

    Mir geht es nicht darum, zu behaupten, dass die eine Software besser wäre, als die andere. Mir geht es um den Punkt, dass es mit jeder Software möglich ist, sowhl gute als auch fürchterlich Präsentationen zu erstellen. Nicht die Software ist entscheidend, sondern ob man sich als Referent vorher genug Zeit zur Planung nimmt (also: relevante und interessante Ideen finden, eine sinnvolle Struktur finden etc.). Es ist wahrscheinlich sinnvoller, den Computer erst mal ausgedchaltet zu lassen und sich mit Stift und Papier ein grundlegendes und durchdachtes Konzept für die Präsentation zu überlegen.

    Welchen Weg man danach nutzt, um die eigene Ideen zu verdeutlichen (wenn man dies überhaupt tun möchte), ist zweitrangig. Egal ob man Prezi, PowerPoint oder auch nur eine Skizze mit einem Stock im Sand nutzt.

    Und nur mal so nebenbei: Ich verstehe nicht, warum Präsentationen mit Prezi oft als „non-linear“ bezeichnet werden. Es gibt doch immer noch einen festgelegten Pfad, nach dem die Präsentation verläuft, oder? Das ist dann doch trotz der Darstellungsweise immer noch linear. Und ich finde, da ist auch gar nichts schlimmes dabei! Es wird doch schnell unübersichtlich, wenn man eine mit Prezi angelegte Mindmap ohne vorher festgelegte Struktur präsentiert. Das stiftet bei den Zuhörern doch meist nur Verwirrung und ist für nervöse Referenten sicherlich keine gute Lösung.

    Viele Grüße
    Sebastian

Schreibe einen Kommentar