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„Wir“ und „Die“ – von Arroganz und Einbahnstraßen in der Bildungslandschaft

Was jetzt kommt ist in keinster Weise ein Vorwurf und wenn doch, dann kann ich mich selbst nicht von meinen eigenen Vorwürfen freisprechen. EIN JEDER PRÜFE SICH SELBST! Das erste Educamp 2013 steht kurz bevor und ich bin gespannt was und wie es dort passieren wird.

Zwei Jahre ist mein erstes Camp her (#ecbi11) und ich war damals schon ein wenig erstaunt über die „Bildungsfamilie“ die sich dort zu einem zweitägigen Treffen eingefunden hatte. Man kannte und herzte sich und unterhielt sich auch ein bißchen über Bildung 2.0. Hier und da wurden kleine „Internetwitzeleien“ ausgetauscht, die am Ende eines deutlich machten: „Wir“ sind eine eingeschworene Gruppe. Es war ein Revival, ein geselliges Beisammensein, wie es harmonischer in den besten Familien kaum vorkommt. Natürlich gab es auch ein paar Missklänge, aber die sind ja Teil eines jeden Familientreffens.

Zwei Jahre später habe ich den Einruck, dass „Wir“ begonnen / nicht aufgehört haben uns im Kreis zu drehen. „Wir“ trinken den Saft in dem „Wir“ schon ein ganzes Weilchen lustig baden und vergnügt plantschen. „Wir“ nennen uns „Edupunks“ – oder lassen uns so nennen – das schmeichelt und „Wir“ wehren uns gegen diese Zuschreibung nur zum Schein („Wir“ haben / hatten(?!) sogar ein Maskottchen). „Wir“ sind zu Experten auf einem Gebiet geworden, dass für  „Die“ da draußen immer noch „Terra Incognita“ ist. Die digitale Revolution hat unser Denken verändert. „Wir“ sind ins Netz gezogen und haben dort – mehr oder weniger große – Erfolge gefeiert. Man bucht uns nun als Reisführer für eine Welt, die für „Die“ meisten nicht mehr als ein blaues, furchterregendes Layout zu sein scheint („Wir“ nennen es German Angst). Ha, da stehen „Die“ wie lauter Ochsen vorm Zuckerberg. Natürlich brauchen „Die“ Hilfe – diese ahnungslosen, armen, unwissenden. „Wir“ wollen diese Hilfe gerne leisten, denn schließlich haben „Wir“ die digitale Weisheit mit Löffeln gefressen.

„Das Internet, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2013! Dies sind die Abenteuer der Edupunks und netzaffinen Bildungsmenschen. Mit einer Vierhundertmann starken Besatzung sind wir fünf Jahre lang unterweg, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringen die Edupunks in Cyberspaces vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

„Wir“ teilen also, weil uns das Internet „teilen“ auf die Fahnen geschrieben hat. Codex und Nettiquette haben so viel für uns getan. OER, MOOC und Open spacige Barcamps – „Wir“ geben bereitwillig und unterhaltsam Auskunft und sind dabei heimlich darauf bedacht nicht die ganze Nische auszuleuchten. „Wir“ spielen „Wissensmonopoly“ wie es Eliten seit jeher getan haben. „Wir“ machen „Die“ da draußen fit für eine Welt voller Gefahren und – „Wir“ werden nicht müde das zu betonen – riesiger Chancen. Dabei sind „Wir“ stets darauf bedacht uns mit eiserner Regelmäßigkeit auf uns selbst zu besinnen. Denn für eine gesunde Identität ist nichts wichtiger als zu wissen woher man kommt. Ein Blick in den „Bakhtinischen“ Spiegel und „Wir“ wissen wieder wer „Wir“ eigentlich sind. Der Vorsprung vor den anderen ist immer noch beträchtlich – das sehen „Wir“ immer wieder und „Wir“ bestätigen uns das gerne gegenseitg… klopfen uns gegenseitig auf die digitalen Schultern. Die Tragik daran:

„Wir“ denken in eine Richtung und die weist Netzwärts. Das „Die“ da draußen gute Bildung machen und unsere digitale Dreidimensionalität bereichern könnten, kommt uns kaum mehr in den Sinn. „Wir“ sind bezaubert von dem Feuerwerk, dass sich vor unseren Augen entfaltet, sobald wir unsere „Trickkisten“ öffnen. „Wir“ haben gefallen daran gefunden uns selbst zu täuschen. Das Internet und seine Möglichkeiten ist längst zum Selbstzweck geworden – ein Mittel, das seinen Zweck in Farbenfreude und Selbstreferentialität aus den Augen verloren hat.

Das ist natürlich überspitzt formuliert. Und trotzdem laufen „Wir“ / laufe ich oftmals Gefahr neue Horizonte (digital und analog) zu übersehen, weil „Wir“ / ich damit beschäftigt sind ein bisschen von dem Wenigen zu konservieren, dass „Wir“ / ich zu verstehen glauben. Die möglichen Verschränkungen zwischen formalen, non-formalen und digitalen Lehr- und Lernmethoden bleiben unentdeckt. Ich würde mir wünschen, dass „Wir“ weniger zusammen plantschen und das #echh13 dazu nutzen Komfort Zonen wieder zu verlassen. Aktivistisch rumgesessen haben ich lange genug.

20 thoughts on “„Wir“ und „Die“ – von Arroganz und Einbahnstraßen in der Bildungslandschaft

  1. Spannender Beitrag, erinnert mich ganz stark an den Aspekt der „weakness of strong ties“ und „strength of weak ties“ (Granovetter 1973)

    … so schwächer meine Bindungen, so mehr entfernte Leute ich kenne, so mehr Neues erreicht mich,

    und anders herum: so stärker meine Bindungen, so mehr bleibe ich im Altbekannten… da klingt mir der Ruf nach neuen Impulsen.

    Was mir da immer hilft: mal auf eine ganz andere Tagung fahren, mit Leuten Papers machen, die aus einer ganz anderen Disziplin kommen usw. vielleicht ist das einfach nicht in dem einen Kreis zu finden, da man sich selbst so schlcht von sich entfernen kann. Daher: vielleicht muss man den Kreis wechseln, um die Impulse zu bekommen, oder Neues reinzuholen außen in den Kreis reinholen durch neue Leute?

  2. Ich kann den Beitrag aus einer recht komfortablen Situation heraus kommentieren, da ich behaupten würde, keiner der beiden Gruppen anzugehören. Seit vielen Jahren nutze ich Wikis, Lernplattformen, Webquests, Podcasts und dergleichen in meinem Unterricht, und ich bin nun im zweiten Jahr auch in der Lehrerfortbildung hinsichtlich des schulorganisatorischen und unterrichtlichen Medieneinsatzes aktiv. Von daher zähle ich mich nicht zu „denen“. Ich bin dabei, meine Idealvorstellung von Unterricht zu entwickeln und umzusetzen, und der Einsatz digitaler Medien spielt dabei eine tragende Rolle.
    Auf der anderen Seite habe ich aber erst in diesem Schuljahr begonnen, das Web zunehmend aktiver zu benutzen, um mich mit „euch“ über die üblichen Kanäle zu vernetzen, mein eigenes Blog zu starten und mich aktiv in Diskussionen und die Umsetzung von Projektideen einzubringen. So habe ich bereits problemlos einige Kontakte geknüpft und hatte bisher nicht das Gefühl, in einen elitären Kreis einzutreten. Vielmehr erhoffe ich mir durch den Austausch mit Gleichgesinnten, die über Expertenwissen verfügen, neue Ideen und Anregungen. Das hat bisher aus meiner Sicht wirklich gut geklappt und deshalb werde ich auch nächste Woche an meinem ersten Educamp teilnehmen. Da ich bisher aber nur wenige von euch persönlich kenne und die Kontakte allesamt noch frisch sind, gehöre ich noch nicht wirklich zu „euch“.
    Warum also gefällt mir dann dieser Beitrag? Da ich kein Teil von „wir“ bin und auch keine konkreten Beispiele für die Behauptungen angebracht werden, kann ich nicht beurteilen, ob die Aussagen hier richtig sind. Aber darum geht es auch gar nicht.
    Wichtig ist aus meiner Sicht, dass hier der Finger in eine Wunde gelegt wird, die vielleicht noch gar nicht existiert. Ich deute es als Warnschuss, denn es ist meines Erachtens richtig, dass „wir“, und da zähle ich mich nun gerne dazu, in den letzten Jahren tatsächlich außerhalb unseres Dunstkreises nicht viel bewegt haben. Unser Medieneinsatz wird immer intelligenter und komplexer, wir kennen Dutzende von digitalen Werkzeugen, die man für die verschiedensten Unterrichtsszenarien überaus sinnvoll benutzen kann, wir unterrichten mit Notebooks, Tablets, Smartphones am Whiteboard, Beamer oder Apple TV, kennen uns aus mit OER, BYOD oder MOOCs, sorgen an unseren Schulen dafür, dass die Hardware angeschafft, installiert, gewartet wird und engagieren uns nebenbei noch im Jugendmedienschutz, weil wir uns mit Cybermobbing, Urheberrechtsfragen und dem Schutz der Privatsphäre im Netz auskennen. Wir sind tatsächlich die Experten für alles, weil ein Teil ins andere greift und die digitale Bildungswelt immer komplexer wird. Und weil wir das alles können und außer uns auch kaum einer versteht, was wir da machen oder wie wir das machen, klopfen wir uns auch gerne gegenseitig auf die Schultern. Das tut gut und ist auch richtig so.
    Fakt ist aber auch, dass wir in den letzten Jahren nicht viel bewegt haben. Das stellen wir fest, wenn wir einmal unser Kämmerlein verlassen und in die große, weite Bildungswelt schauen. Dann stellen wir fest, dass OER bisher kaum bekannt sind und fragen uns, ob diese überhaupt ihr Zielpublikum erreichen (http://damianduchamps.wordpress.com/2013/04/02/erreicht-die-deutsche-oer-bewegung-die-zielgruppe-lehrer/). Wir sehen Rollkoffer auf der didacta und werden uns ob dieser Beobachtung unserer Exotenrolle bewusst (http://herrlarbig.de/2013/02/24/didacta-2013-eine-subjektive-nachlese-oder-der-exot-aus-digitalien/). Wir sehen auf Dozenten- und oft auch auf Teilnehmerlisten zu einschlägigen Veranstaltungen selten neue Namen, und wir tauschen uns über unsere tollen Medienprojekte auch innerhalb der Schule immer mit den gleichen zwei, drei Kollegen aus. Mit anderen Worten: es gelingt uns nicht – wenigstens nicht in ausreichendem oder zufriedenstellendem Maße – „denen“ – und das sind geschätzte 90% der Lehrerinnen und Lehrer, und eben auch der jungen Lehrer (http://diewunderbareweltderlehrkraft.wordpress.com/2013/02/25/zwei-welten/) – nachhaltig (sorry) zu vermitteln, dass wir den richtigen Weg gehen (davon bin ich überzeugt). Dafür gibt es viele, viele Gründe, von denen ein Großteil vielleicht auch gar nicht in unserem Einflussbereich liegt (Stichwort: Schul- und Bildungspolitik). Aber dennoch ist es richtig und wichtig hier einmal mit derlei Nadelstichen diese Filterblase aufplatzen zu lassen und die Frage in den Raum zu stellen, ob wir denn nicht auch bei uns selbst ein Verbesserungspotential entdecken. Ich glaube nicht, dass hier viel Arroganz im Spiel ist, wenigstens widerspricht das meinen bisherigen Erfahrungen, aber in einer Einbahnstraße befinden wir uns definitiv, oder kann sich irgendwer, der das hier liest, ein Unterrichten ohne all diese tollen digitalen Helferchen vorstellen? Die Frage für mich ist jedoch, ob diese Einbahnstraße letztendlich eine Sackgasse darstellt oder ob sie zunehmend als Hauptstraße benutzt werden wird. Dazu muss aber geklärt werden, ob es ausreichend Querverbindungen zwischen diesen Straßensystemen gibt und ob sie einigermaßen parallel verlaufen. Sonst haben wir irgendwann vielleicht das Problem, dass diejenigen, die die Hauptstraße benutzen, gar nicht mehr zu uns kommen können oder wollen, weil sie in eine ganz andere Richtung fahren.
    Das kann man sicherlich in sanftere Worte verpacken, aber, wie uns die Wikipedia lehrt, soll eine Provokation „den Provozierten gezielt zu Verhaltensweisen anregen“. Wenngleich ich mich dann doch nicht wirklich unter „wir“ wiederfinde, hat es bei mir bereits gewirkt, sonst hätte ich jetzt nicht diesen langen Kommentar geschrieben. Daher sage ich: Danke für diesen Input.

  3. Vielleicht braucht es inzwischen weniger den Austausch mit Gleichgesinnten als den Austausch mit Andersgesinnten?

    Ich kann mir als jemand, der das hier liest, übrigens sehr wohl ein Unterrichten ohne all diese tollen digitalen Helferchen vorstellen. Schon mal, weil ich das mit großem Erfolg einige Kollegen praktizieren sehe, und das geht ja wohl jedem von uns so. Selber kenne und nutze ich sie und freue mich darauf, dass das in Zukunft mehr geschehen wird – erwarte allerdings keine Revolution deswegen.

  4. Der Artikel spricht mir aus dem Herzen. Ähnliches lag mir schon öfter auf der Zunge bzw. auf dem Schreibfinger… Aber so klar und dennoch differenziert wärs nicht geworden. Danke dafür.
    Das nach außen getragene und von Distanzfähigkeit oft freie Selbstbewusstsein, den heiligen Gral der Bildung gefunden zu haben, verbunden mit der Vorstellung, andere (formellere, traditionellere) Bildungsformen seien vollständig obsolet, geht mir zunehmend auf den Zähler – und dass, obwohl ich bei Lehrerkollegen oft genug für ein Aufbrechen eingefahrener Wege werbe.
    Ich denk, es tut allen Akteuren gut, gelegentlich kritische Distanz zu eigenen Positionen einzunehmen. Das beschriebene Verhalten scheint mir übrigens oft ein sehr deutsches Phänomen zu sein – in englischsprachigen Communities gibt es häufig eine Grundhaltung des Respekts für andere Positionen.

    1. “ Das beschriebene Verhalten scheint mir übrigens oft ein sehr deutsches Phänomen zu sein – in englischsprachigen Communities gibt es häufig eine Grundhaltung des Respekts für andere Positionen.“ – Danke für den Hinweis. Es ist diese Grundhaltung: „Avoid Re-inventing hot water… Again!“ die vieles leichter macht. Nicht um jeden Preis einzigartig sein müssen. Dabei ist es doch eine ganz eigene Kunst Dinge (neu und alt, digital und analog) zu nehmen, zu remixen und was neues daraus zu formen.

  5. Toller Artikel. @theiming hat in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Musikunterricht und Computer“ eine Glosse zu genau diesem Thema geschrieben. Dein Artikel spricht mir genau so aus der Seele wie der seinige.

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