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Die Gruppe, das Educamp und „Wir“ – von der Gefahr limitierter Denkprozesse

Hintergrundsätzlich

Mit dem Post zum Thema „Wir“ und „Die“ ist eine Diskussion entstanden, die sich im Kern um die Frage dreht ob das Educamp ein geschützter Raum für den den Austausch digitaler Bildungsmenschen ist oder ob das #echh13 – wie viele andere „Gruppenräume“ – Gefahr läuft zur Echokammer zu verkommen?

Für mich geht es ganz grundsätzlich nicht darum, „Die“ um jeden Preis in digitale Lernwelten einzubinden. Wer nicht will, der hat schon! Mir geht es vielmehr darum, dass ich „Unsere“ Einstellung zu „Denen“ (Pädagogen und Bildner aus anderen Richtungen) für ungesund und teilweise auch arrogant halte. Ich kann vollkommen nachvollziehen, dass sich der @gibro, genervt und müde vom Kampf gegen Windmühlen, nach ein wenig Eduvögelei mit Gleichgesinnten sehnt. Mir geht es da nicht anders! Die Frage ist: Wie fruchtbar kann ein  Austausch in solch einer – mehr oder weniger exklusiven Gruppe – eigentlich sein? Ich zweifle stark daran, dass eine Gruppe mit einem dermaßen stark ausgeprägtem „Wir“-Gefühl vorhandenes Lehr- und Lernpotential vollständig ausschöpfen kann.

Gruppen-Gedanken

„Wir“ Educamper und digitalen Bildungsmenschen rechtfertigen unsere exklusiven Kreisbewegungen mit den kreativen Kräften, die in einer Gruppe freigesetzt werden können: „All come together… they may surpass collectively… the quality of the few best, when there are many who contribute to the process of deliberation“ (Aristoteles) – Die schöne Theorie der „Inkubationsräume“. Aber funktioniert eine Gruppe so? Aus eigener Erfahrung wissen „Wir“, dass einzelne Gruppenmitglieder deshalb gerne dazugehören, weil sie von der Gruppe der gleich- bzw. ähnlich gesinnten in der Regel bestätigt werden. „A key effect of group interaction is a greater sense that postdeliberation conclusion is correct – whether or not it actually is“ (Sunstein, how many minds produce knowledge). In der Konsequenz führt diese Gruppendynamik jedoch zu Einförmigkeit:

„After talking together, group members come into greater accord with one another. A central effect of deliberation groups is to reduce (squelch?) the range of opinions… Because deliberation increases uniformity and confidence in the outcome, it might be favored even if it produces errors“ (Sunstein).

Aufgrund „Unserer“ Erfahrungen mit „Denen“, stempeln „Wir“ „Die“ fast schon reflexartig als engstirnige Nichtswager und Ignoranten ab. „Inkubationsräume“ in denen „Wir“ uns gegenseitig mit neuen Ideen infizieren werden damit schnell mal zu Quarantänestationen in denen „Unser“ Blick über den digitalen Tellerrand hinaus, mit „begrenzt“ noch euphemistisch umschrieben ist. Das Colorado Experiment von 2006 bestätigt diese Einschätzung. Mit dieser Einstellung werden „Wir“ uns auf Dauer das Leben selbst schwer machen. Eine solche Abgrenzung von „Denen“ wird in letzter Konsequenz dazu führen, dass „Wir“ unschuldige Kinder mit dem Bade auskippen, um sie hinterher über einen Kamm zu scheren. Ich will nicht Teil einer Parallelwelt sein die geile Bildung macht, aber gleichzeitig in selbstgefälliger Seelenruhe alle anderen Parallelwelten ignoriert. Warum sollten „Wir“ nicht schauen, ob unsere digitalen Lern- und Lehransätze Synergieeffekte mit anderen Ansätzen entwickeln können… was die Verbindung zur Erlebnispädagogik für uns getan hat (educaching), kann sich auch im Zusammenspiel mit Kunst- Theater- und Musikpädagogik usw. wiederholen. Ich glaube nicht, dass es um ein „entweder Medienpädagogik oder der Tod“ geht, sondern um die Erkundungen der (non-fomralen) Schnittmengen und sinnvollen Verschränkungen.

One thought on “Die Gruppe, das Educamp und „Wir“ – von der Gefahr limitierter Denkprozesse

  1. Ja, zuviel Übereinstimmung kann in Echokammer ausarten. Zuwenig in Einsamkeit und Isolation. ich glaube nicht, dass das soziale System „Educamp“ in eins ODER das andere als Extrem verfallen dürfte, wenn ich die vielen Anmeldungen sehe, deren Namen ich noch nie gehört habe einerseits, und die vielen Streitpunkte, die es gibt (ich habe sie jedenfalls). Mein Problem ist eher: Wie kommen wir aus dem Bauchreflexions-Erfahrungsaustausch raus? (Ein Kollege nannte das neulich zutreffenderweise „organisierte Oberflächlichkeit“.) Mich stört zunehmend, dass man mit dem Einsammeln von Erfahrungswissen zufrieden ist. Da fände ich dann eine Mischung mit Input, der auf etwas wissensmäßig deftigeren Füßen steht, interessant, über den man dann ja wieder organsierten Erfahrungsaustausch machen kann. Denn an den Tagungen mit Vorträgen stören ja nicht die Vorträge (es sei denn, sie sind schlecht), es stört, dass nicht genügend Zeit für Verständigung und Diskussion darüber ist. So geht es mir. Aber ich bin ja auch eine andere Generation.

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