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Textsex – Etherpads als Methode in der (politischen) Bildung.

Foto unter CC BY SA 2.0 by Josef.Stueder via flickr

Bevor wir zur Methode kommen… ein bisschen Grundsatzbau:

Das kollaborative dokumentieren ist beim ersten Mal eine Herausforderung. Wir sind es gewohnt, dass Texte im „Allein“ entstehen und nicht oder nur selten im „Zwischen“. Das mehrere Autoren einen Text gemeinsam schreiben stellt daher viele Menschen vor eine große Herausforderungen. Auf einmal sind wir mit unseren Gedanken nicht mehr allein. Vor den Augen anderer werden Worte gefunden und Sätze gebildet, Rechtschreibfehler korrigiert und Syntaktische Strategien ausprobiert.

Wir sind es gewohnt, dass andere unsere Texte erst lesen nachdem sie von uns durchleuchtet und evtl. von anderen Personen „gegengelesen“ wurden. Texte bauen und basteln ist ein intimer Akt und passiert in der Regel hinter verschlossenen Türen, in abgedunkelten Zimmern, bei angenehmer Beleuchtung und einem guten Glas Wein. Autorschaft ist Sex und es gibt – um im Bild zu bleiben – nicht viele, die Spaß an Gruppensex haben. Kreative Ergüsse haben wir auch deshalb gerne allein, weil wir sie dann ganz klar zuordnen können. Ich bin auf die Idee gekommen und sonst niemand.

In formalen Bildungssystem werden Leistungen aufgrund individueller Ergebnisse beurteilt. Selbst bei der Vergabe von Gruppenarbeiten wird in der Regel darauf aufmerksam gemacht, dass zum Zwecke der Notenvergabe „Arbeit und Aufwand des Einzelnen klar erkennbar sein müssen!“. Deutlicher kann ein Widerspruch nicht formuliert werden.

Die Verwendung von Etherpads zur gemeinsamen Erstellung eines Textes, muss da zwangsläufig wie Teufelswerk anmuten. Natürlich erfordert kollaborative Textproduktion ein Umdenken von Autoren und auch von denen, die am Ende der Schaffenskette beurteilen sollen, ob der entstandene Text formalen Kriterien entspricht. „Ein Text? Und wenn „ja“, wie viele?

Die Methode Etherpad: „Improwri(gh)ting“

In Testläufen hat sich das Improwri(gh)ting als kolllaboratives Produktionsgenre durchaus bewährt. Es geht hierbei darum, dass sich verschiedene „Autoren“ mit selbst entworfenen Charakteren (und unter Anleitung eines Regisseurs) in einem Etherpad treffen und dort zusammen einen dramaturgischen Text live verfassen. Der Regisseur kann die Szenen gestalten, in denen sich die einzelnen Charaktere orientieren und zurechtfinden müssen. Die gesamte Session kann zeitlich begrenzt werden. 30 Minuten Figurenbau, 30 Minuten Schreibarbeit, 30 Minuten Debriefing.

Für die politische Bildung kann diese Methode auch als Simulation interessant sein – es können politische und gesellschaftliche Fragestellungen in den Fokus genommen werden: „Rechtsextremismus, Populismus, Demokratieverständnis, Gender Issues etc. Es können Diskussionsstrategien getestet und Perspektivwechsel erfahren werden. Die „Methodik Etherpad“ ist extrem vielfältig und in der Gestaltung variabel: Charaktere können z.B. auch im Vorfeld formuliert und dann zugelost werden, Szenen können vorab oder unmittelbar vor Beginn der Session bekanntgegeben werden. Vieles ist möglich und einiges macht auch Sinn.

Nach intensiven „Improwri(gh)ting-Sessions“ sollte ein sog. derolling stattfinden – die Teilnehmenden müssen aus ihren Rollen / Charakteren geholt werden, um die entstandenen Texte in der anschließenden Debriefing-Phase mit Distanz reflektieren zu können.

Hier findet ihr einen sehr grundlegenden, (technischen) Artikel zum Thema kollaboratives schreiben

Wenn ihr die Methode zum Einsatz bringt, dann wären Erfahrungsberichte schön und hilfreich. Bittedanke!

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