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Vom Allgemeinen versaut! Unsere Bildung ist nichts Besonderes mehr…

Das Allgemeine

In seinem Werk „Der Politische Mensch“ legt Oskar Negt die Messlatte für (politische) Bildung hoch: „Bildung hat den Zweck die bestehenden Verhältnisse der Unterordnung, der Ausbeutung, der Entwürdigung zu bekämpfen und am Ende die Umstrukturierung des Gesamtgesellschaft einzuleiten.“

Wir alle – Lehrende und Lernende – laufen massiv Gefahr unsere Bildungsbemühungen ökonomischen Gesichtspunkten unterzuordnen. Das kommende europäische Bildungsprogramm (ab 2014) hat einen Aspekt zu seinem besonderen Fokus gemacht: „Employability“ – Bildung soll unter allen Umständen ökonomisch verwertbar sein. Bildungssysteme – seien sie nun formal, informell oder non-formal strukturiert – müssen für Teilnehmende von unmittelbarem, nach Möglichkeit materiellem, Nutzen sein.  Es geht darum eine Bildung zu schaffen, die sich streng an marktwirtschaftlichen Gegebenheiten orientiert. Und wir (Lehrer und politische Bildner) müssen uns hinterfragen und feststellen, ob wir mit dem was wir tun, nicht unweigerlich auf die Schaffung von Bildungs-Dichotomie(n) zusteuern? Woher sonst sollte die Debatte über Sinn und Unsinn zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften herrühren, wenn nicht vom ewigen Gerangel um Stellenwert und Nutzen der jeweiligen Fachrichtungen? Folgen Lehrpläne und Förderprogramme mittlerweile der absurden Umdeutung betriebswirtschaftlicher Naturgesetze? Schaffen Schulen und Bildungseinrichtungen das Angebot (Humankapital) für die Nachfrage von Wirtschaft und globalisiertem Kapital? „Was sich hier abspielt, zeigt noch einmal wie stark derzeit bei dieser Art Reichtumsproduktion die Menschen zu Anhängseln der (Bildungs)prozesse werden.“

Die Suche nach dem Besonderen 

Oskar Negt leitet gute Bildung aus der spezifischen Dialektik von Besonderem und Allgemeinem ab. „Wenn wir heute dialektisch denken, dann müssen wir das Verhältnis neu bestimmen, und zwar so, dass vom Besonderen auszugehen ist und aus dem Besonderen das Allgemeine entwickelt wird“. In anderen Worten und auf den praktischen Bildungskontext (formal und non-formal) bezogen: Bildung muss sich an Best Practise Modellen orientieren und darf sich nicht mit der Verwaltung eines Status Quo begnügen. Gerade bei der Arbeit mit Jugendlichen stelle ich immer wieder fest, dass die Be- und Erarbeitung politischer Themen eine gewisse Legitimität benötigt. Warum soll ein Jugendlicher sich mit dem politischen System der EU beschäftigen? Die Legitimation zur Auseinandersetzung kann über viele Maßnahmen hergestellt werden. Legitimität über Methodik und Didaktik ist mit Sicherheit ein probates Mittel zu diesem Zweck. Vor diesem Hintergrund möchte ich auch über digitale Methodik ein paar Worte verlieren.

In den vergangenen Jahren tauchen immer mehr Pädagog/innen auf, die in der Digitalität das goldene Vlies vermuten. Mit großer Begeisterung werden iPad Klassen aus dem Boden gestampft und Smartboards in Klassenzimmerwände gedübelt. Einzig, das Problem bleibt: Die wirkliche Auseinandersetzung mit (politischen) Bildungsinhalten findet kaum, oder nur an der Oberfläche statt. Zu häufig dient der Einsatz digitaler Medien als ein farbenprächtiges Add-On für die gleiche, alte ALLGEMEINE Bildung. Ein iPad macht noch lange keine gute Didaktik, geschweige denn einen guten Pädagogen. Besonders die digitalen Medien müssen durchdacht in didaktische Konzepte eingepasst werden, um eine Wirkung zu entwickeln und nicht nur Blendwerk zu sein bzw. nicht allein Konsumzwecken zu dienen. In meinen Gesprächen mit Jugendlichen wird immer deutlicher, dass viele der früh geadelten „Digital Natives“ eher genervt von den technischen Spielereien ihrer Lehrer/innen sind.

Es geht nicht darum die Inhalte den Techniken unterzuordnen, sondern umgekehrt. Die digitalen Medien müssen sich dem Bildungsziel, nämlich der „Entwicklung von Urteilsfähigkeit“ unterordnen. Das sich Lehrer/innen und politische Bildner auf den Weg machen, um neue Dinge auszuprobieren ist absolut richtig und notwendig, mich stört lediglich die Tatsache, dass schnell Technik angeschafft wird, die nur von wenigen beherrscht und von noch viel weniger Pädagogen sinnvoll in Bildungsabläufe eingebunden werden kann. Das Label „Medienschule“ prangt in diesen Fällen als leeres Versprechen über den Eingängen der Schulen, während viele Bildner die teuren Smartboards dazu verwenden, um CDs abzuspielen. Es geht gar nicht darum, dass Bildungsprozesse neu strukturiert werden müssen und dabei auch viele Dinge schief gehen können und vllt, auch müssen (diese Erfahrungen haben wir mit dem Einstieg in die Welt des digitalen Lernens im Laufe der Jahre häufig gemacht – und machen sie noch immer), aber das wenig durchdachte Anschaffen von Technik und das gezwungene Herumwedeln mit iPads ist eher eine Bebilderung des Negtschen „Allgemeinen“ und keineswegs die Schaffung des „Besonderen“, dass bei der Umgestaltung von Bildungslandschaften als Vorbild dienen könnte.

Im Gegenteil, denn das bloße Vorhandensein von technischen und mobilen Geräten ist eben in den meisten Fällen ein stummes Zeugnis für eine Bildung deren Ausgestaltung von marktwirtschaftlichen Interessen bestimmt wird. Viele Schulen haben Technik nur angeschafft, um am „Bildungsmarkt“ die Auslage attraktiver zu gestalten. Das ist traurig und sicher keine Botschaft die Lernende hören oder sehen müssen.

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