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Monster Internet – Foucault und das Digitale

Und wieder das Rad nicht neu erfunden; dafür aber darüber gelesen – in einer APuZ Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung. Foucault spricht in einem abgedruckten Vorlesungs-Manuskript über das Monster und entwickelt unbewusst eine starke Internet-Metaphorik. Im folgenden nun der modifizierte Text Foucaults (zum Original geht’s hier).

Der Begriff des Internets ist im wesentlichen ein Rechtsbegriff – des Rechts freilich im weiteren Sinn des Wortes, denn das Internet ist durch die Tatsache definiert, dass es qua Existenz und Form nicht nur eine Verletzung der gesellschaftlichen Gesetze darstellt, sondern auch eine Verletzung der Gesetze der Natur. In einem doppelten Register stellt es durch seine bloße Existenz einen Gesetzesbruch dar. Das Internet ist also ein Bereich, den man „rechtlich-technisch“ nennen kann. Andererseits erscheint das Internet innerhalb eines Raums als ein zugleich extremes Phänomen. Es ist die Grenze, es ist das Moment der Umkehrung des Gesetzes, es ist zugleich die Ausnahme, die oft Extremfällen auftritt. Sagen wir, das Internet ist das, was das Unmögliche und Verbotene kombiniert.

Man kann sagen, dass die Kraft und die beunruhigende Fähigkeit des Internets darin gründet, dass es das Gesetz, obwohl es dieses verletzt, verstummen lässt. Es trickst das Gesetz in dem Moment aus, wo dieses von ihm verletzt wird. Das Internet fordert in dem Moment, da es dank seiner bloßen Existenz das Gesetz verletzt, nicht die Antwort des Gesetzes selbst heraus, sondern etwas ganz anderes. Die Gewalt, den einfachen und reinen Willen zu seiner Unterdrückung. Nicht das Gesetz selbst antwortet auf den Angriff gegen sich, welchen das Internet dank seiner Existenz darstellt. Das Internet ist ein Gesetzesbruch, welcher sich automatisch außerhalb des Gesetzes stellt, und das ist eine seiner ersten Zweideutigkeiten. Die zweite besteht darin, dass das Internet in gewisser Weise die spontane, nackte und folglich natürliche Form der Gegen-Natur ist. Es ist das sich aufblähende Modell, die durch die Spiele der Natur und all ihre kleinen Unregelmäßigkeiten selbst entfaltete Form. In diesem Sinn kann man sagen, dass das Internet das große Modell  aller kleinen Abweichungen ist. Es ist das Prinzip der Erkennbarkeit aller – in kleiner Münze zirkulierenden – Formen der Anomalie. Den wahren Grund der Digitalitäten suchen, die hinter den kleinen Anomalien, den kleinen Abweichungen, den kleinen Unregelmäßigkeiten lauert: Dieses Problem wird das gesamte 21. Jahrhundert umtreiben. Das Internet ist paradoxerweise – trotz der Grenzposition, die es einnimmt, und obwohl es zugleich das Unmögliche und Verbotene ist – ein Prinzip der Öffentlichkeit. Und dennoch ist dieses Prinzip der Erkennbarkeit ein eigentlich tautologisches Prinzip, da die Eigenschaft des Internets eben darin besteht, sich als Internet zu behaupten, aus sich heraus alle Abweichungen zu erklären, die von ihm ausgehen können, aber an sich unerkennbar zu sein. Diese tautologische Erkennbarkeit, dieses Erklärungsprinzip „Öffentlichkeit“, das sich nur auf sich selbst bezieht, wird man am Grunde der Analyse der Anomalie finden.

Der Digital Native als Bewohner des Zwischenraums „Internet“

Auf seltsame, aber sehr charakteristische Weise ist der erste auftauchende Digital Native ein politisches denkendes Wesen. Das heißt, dass die Pathologisierung des Digitale Native sich, wie ich denke, auf der Basis einer neuen Machtökonomie vollzieht – man findet eine Art zusätzlichen Beweis dafür in der Tatsache, dass der erste Digital Native, wie er sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts präsentiert, in jedem Fall der wichtigste und hervorstechendste Digital Native, der politische Kriminelle – der Gesellschaftshacker – ist. In der neuen Theorie des digitalen Rechts, ist der Digital Native einer, der den von ihm unterzeichneten Pakt bricht und sein persönliches Interesse über jenes der Gesetze stellt, welche die analoge Gesellschaft, der er angehört, regieren. Er kehrt also zu einem neuen Naturzustand an der Grenze zwischen analog und digital zurück, da er den primitiven Vertrag bricht.

Das Internetmonster

Das Internet ist ein Monster. Diesmal nicht das Monster aufgrund von Machtmißbrauch, sondern ein Monster, das den Gesellschaftsvertrag durch Auflehnung bricht. Als Revolutionär, nicht mehr als König, wird das digitale Volk zum genauen Umkehrbild der machtgierigen Obrigkeit. Das Internet wird zu einer Hyäne, die den analogen Gesellschaftskörper angreift.

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