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Lernen im Raum-Internet-Kontinuum

Foto „Classroom“ by Vito via  unter CC BY 2.0

Foto „Classroom“ by Vito via unter CC BY 2.0

 

 

“Throughout my life all real learning has taken place outside school.”[1] An welchen Orten wir lernen, bestimmt häufig, wie wir lernen. In einem Hörsaal ohne Tageslicht nach Erleuchtung zu suchen, mag möglich sein, sicher aber ist es mühevoll. Kleine Klassenzimmer in denen 30 Schüler/innen zusammengepfercht werden, vermitteln schwerlich den Eindruck, dass Gedanken tatsächlich frei sind. Die Architektur unserer Bildung ist von Beschränktheit geprägt. Sowohl formale als auch non-formale Bildung haben in den vergangenen Jahren Einrichtungen gebaut, die dafür sorgen sollen, dass Lernen in einem geschützten und ruhigen Rahmen stattfinden kann. Konzentration war das Stichwort und ein wesentliches architektonisches Bauprinzip. Heute zeugen solche Gebäude von der Annahme, dass Bildung in einer reizarmen Umgebung gut gelingen kann. Im Bestreben störende Einflüsse zu minimieren, haben wir über die Jahre Bildungshäuser gebaut, die mit „funktional“ äußerst euphemistisch umschrieben sind. Großen Ideenschmieden wie Facebook, Google oder Twitter kann man vieles vorwerfen, aber schlechte (Gedanken)-Entwicklungsbedingungen sicher nicht.

Diese und andere innovative Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern riesige Räume, Flächen auf denen man sich treffen und miteinander ins Gespräch kommen kann. Lernen und der Austausch von Ideen sind an diesen Orten keine Privatsache, sondern entstehen im Miteinander, im kontinuierlichen Austausch und nicht hinter verschlossenen Türen. Mit der Konstruktion unserer geschlossenen Lernräume haben wir Gedanken nicht nur ein-, sondern auch die Welt da draußen ausgeschlossen. Wenn Universitätsprojekten – zu Recht – der Vorwurf gemacht wird, sie würden an der Realität vorbei arbeiten, dann hat dieses Phänomen sicher auch mit der physischen Abschottung von der Welt „da draußen“ zu tun. Bildungsprozesse, die in geschlossenen Räumen stattfinden, können schnell den Effekt des „Information Cocooning“ entwickeln – Lernende und Lehrende hören ständig den Widerhall ihrer eigenen Gedanken. In einem Information Cocoon werden Bildungsinhalte und Methoden von den Wänden zurückgeworfen und immer wieder von denselben Menschen rezipiert bzw. reflektiert.

“If a company creates an information cocoon, it is unlikely to prosper, for its own decisions will not be adequately challenged from the inside […] leaders living inside a cocoon are unlikely to think well, simply because their own preconceptions will become entrenched.”[2]

Bildung kann sich unter solchen Bedingungen – wenn überhaupt – nur sehr langsam entwickeln und Wissen bleibt oftmals graue Theorie, weil es sich nicht in der Realität bewähren muss. Politische Bildung mit Menschen, egal welcher Altersstufe, hat die Transformation von Wissen zu Bewusstsein zum Ziel. Bewusstwerdungsprozesse wiederum brauchen Erfahrungswelten, in denen sie ständig dem Abgleich mit Realitäten ausgesetzt sind. Nur in Lebenswirklichkeiten kann Bewusstsein in Handlungsspielräumen getestet und im Anschluss für zu leicht oder ausreichend schwer befunden werden. Je weiter der Raum ist, in dem Wissen zu Bewusstsein werden darf, desto intensiver sind zwangsläufig die bewusstseinserweiternden Erfahrungen.

Das Internet ist eine Realität, die unendlich weit scheint. Das World Wide Web nennt sich nicht zu unrecht so. Czerskis Manifest ist im Kern die Feststellung, dass es sich beim Internet nicht um eine alternative Realität handelt, sondern vielmehr um eine Realität, die völlig gleichwertig neben anderen Realitäten steht.

 

„Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit. Wenn wir euch, den Analogen, unseren ‚Bildungsroman‘ erzählen müssten, dann würden wir sagen, dass an allen wesentlichen Erfahrungen, die wir gemacht haben, das Internet als organisches Element beteiligt war. Wir haben online Freunde und Feinde gefunden, wir haben online unsere Spickzettel für Prüfungen vorbereitet, wir haben Partys und Lerntreffen online geplant, wir haben uns online verliebt und getrennt.“[1]

 

Das mag uns nun gefallen oder auch nicht, wegzudiskutieren ist diese Tatsache schwerlich. Neuland ist immer gefährlich, ist eine Grenzerfahrung, muss entdeckt werden. In den Grenzgebieten zwischen digital und analog lauern ebenso viele Gefahren wie neue Chancen und Handlungsoptionen. Die Besiedlung des Internets ist am Ende eine Geschichte vieler evolutionärer Schritte in eine neue Richtung.

Doch zunächst ist das Internet für die Bildung ein Ort an dem Wissen zu Bewusstsein werden kann. Es geht an diesem Punkt um das Wesen des Internets – die Öffentlichkeit. Das Internet ist nichts weiter als die technische Voraussetzung von Öffentlichkeit. Im Falle der politischen (Jugend)-Bildung kommt diese Öffentlichkeit von unten, weil sie in der Alltagspraxis von Jugendlichen entsteht. Das Internet kann damit zum Ursprung für die Entstehung von Vernunftpotenzialen werden, wenn sein Wesen nicht als Störung gesellschaftlichen Denkens, sondern als Raum demokratischer Teilhabe verstanden wird.

Das Netz ist ein Raum, in dem Jugendliche erfahren können, dass sie eine Stimme haben und gehört werden. Das Publizieren von Status-Updates, Meinungen, Bildern, Videos und sonstigen Texten wird wahrgenommen und erreicht Menschen im In- und Ausland. Viele Jugendliche sind oft 24 Stunden am Tag online. Für sie ist das Internet ein alltäglicher Ort geworden. Dort trifft man sich, tauscht sich aus, pflegt Freundschaften, studiert und plant die Zukunft. Für viele wird das Internet ein wesentlicher Bestandteil ihrer späteren Arbeitswelt sein – für die meisten ist es das schon. Allerdings muss an dieser Stelle klar unterschieden werden zwischen den sozialen Netzwerken und dem Internet als politischem Erfahrungsraum.

In vielen didaktisch-medienkritischen Studien und Debatten werden die Begriffe „Internet“ und soziale Netzwerke Synonym verwendet. Dieser Umstand führt häufig zu einer Verkürzung der Diskurse und zu einer eindimensionalen Betrachtung des Internets als Unterhaltungsplattform. Der Fehler liegt im Betrachtungsgegenstand selbst. Wer das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen untersucht, muss fast zwangsläufig bei der Analyse sozialer Netzwerke verharren. Der Erfahrungsraum Internet ist auch oder gerade für Jugendliche oftmals auf die sozialen Netzwerke beschränkt. In diesen Zusammenhängen wird dann häufig über Facebook, Youtube, Whatsapp und vielleicht noch Twitter gesprochen. Tatsächlich zeigt diese Medienkritik deutlich das Dilemma, in dem sich dieser Diskurs verengt und schlussendlich verliert – die Netzkritik betrachtet oftmals nur einen winzigen Ausschnitt der digitalen Realität – die sozialen Netzwerke. Diese sozialen Netze sind ohne Zweifel weit gespannt und durchziehen das Internet wie rote Fäden. Facebook, Twitter & Co. sind jedoch maximal Knotenpunkte; Häfen, in denen das Leben scheinbar pulsiert und nicht der Nukleus des Digitalen. Um die Weite des Netzes als politischen Erfahrungsraum zu verstehen, müssen wir jedoch den Blick heben und in die Peripherie, jenseits der Netzmetropolen, schauen und wir müssen dies gemeinsam mit den Jugendlichen tun, wenn politische Bildung der Entwicklung von Eigensinn und dem Anlegen von Wissens- und Urteilsvorräten dienen soll. Jugendliche und Menschen, die sich im Netz bewegen, müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sich hinter den starren Strukturen der digitalen Netzwerke eine Struktur verbirgt, die sie aktiv selbst gestalten können, auf deren Bewegungen sie Einfluss haben und in der es viele kreative Möglichkeiten zu echter politischer Partizipation gibt.

[1] Newton, Huey P.: Revolutionary Suicide. New York 2009.

[2] Sunstein, Cass R.: Infotopia. How Many Minds Produce Knowledge. Oxford 2006, S. 9.

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