Loading…

Der Transhumanismus, die schöne neue Welt und was sie mit der Bildung zu tun hat.

„Wir gebieten über unser Begreifen, unsern Antrieb zum Handeln, unser Begehren und Meiden, und, mit einem Wort, über alles, was von uns ausgeht; nicht gebieten wir über unseren Körper […]“ (Epiktet)

Die Frage nach der Art und Weise wie sich Bildung verändert ist seit jeher eng verknüpft mit der Frage nach gesellschaftlichen Veränderungen und welche Bedürfnisse diese Gesellschaft entwickelt. Mit einem sozialen Strukturwandel geht immer auch eine Veränderung des Menschenbildes einher. Und für gewöhnlich manifestiert sich ein Menschenbild immer auch in der Vorstellung und Umsetzung von Bildung. Nicht umsonst entbrennen in regelmäßigen Abständen heftige Diskussionen an den Inhalten von Lehrmitteln und den damit verbundenen Weltsichten. So zeigt der Streit in der schulischen Religionslehre und den Naturwissenschaften, dass die grundlegende Abkehr von einem theistischen Weltbild, das die Welt Jahrhunderte lang geprägt hat, grundsätzlich denkbar scheint.

Wenn wir uns also Gedanken über eine nachhaltige Bildung im 21. Jahrhundert machen, dann muss uns das gegenwärtige Menschenbild ebenso interessieren wie die Entwicklung des zukünftigen. Aus dieser Tatsache folgt fast schon zwangsläufig das Phänomen des Transhumanismus. Die philosophische Disziplin “Transhumanismus” ist wahrscheinlich fast so alt wie der Mensch selbst und beschäftigt sich ganz grundsätzlich mit allem was unter dem Begriff “Fortschritt” zu finden ist. Der Terminus “Transhumanismus” fällt das erste Mal in Julian Huxleys Werk New Bottles for New Wine:

We shall start from new premises. … The human species can, if it wishes, transcend itself — not just sporadically, an individual here in one way, an individual there in another way, but in its entirety, as a transhumanity.

In der Folge wird der Begriff von Robert Ettinger und FM-2030 verwendet und präzisiert:

Transhumane sind die erste Manifestation einer neuen Art von evolutionären Wesen. Sie ähneln darin den ersten Hominiden, die vor vielen Millionen Jahren die Bäume verließen und begannen sich umzuschauen. Transhumane haben nicht notwendigerweise das Ziel, die Evolution höherer Lebensformen zu beschleunigen. Viele von ihnen sind sich ihrer Rolle als Übergangsform der Evolution gar nicht bewusst.

Wenn der Transhumanismus heute zum Gegenstand von sozialen, kulturellen und politischen Diskussionen wird, dann meist vor dem Hintergrund der technisch-medizinischen Veränderungen und den daraus erwachsenden Möglichkeiten, menschliche Grenzen zu überwinden, zu sprengen und neu zu definieren. In Anbetracht der Tatsachen liegt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Konsequenzen einer transhumanistischen Gesellschaft durchaus nah und oftmals führen wir entsprechende Diskussionen schon – vielleicht sogar ohne es zu wissen.

Im Anschluss an die Weitsprungentscheidung bei den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften entbrannte eine transhumanistische Debatte an dem Sieger, Markus Rehm, der die Konkurrenz mit einer Unterschenkelprothese dominierte und sich souverän den Titel sicherte. Eine ähnliche Diskussion folgte der Zulassung des – ebenfalls Unterschenkel amputierten – südafrikanischen Sprinters Oscar Pistorius zu den olympischen Spielen 2012 in London. In den Diskussionen wurde deutlich, dass es bislang keinerlei gesellschaftlichen Konsens zum Umgang mit transhumanen Lebensformen gibt. Gerade im Falle des Sports wird klar, dass es zur Vermessung menschlichen Potentials kaum Normen gibt – wie könnte es auch anders sein, wenn die Suche nach Präzedenzfällen erfolglos endet?

Zunkunftsmusik? Science Fiction? Oder doch Realität?

Fälle wie die der Sportler Pistorius oder Rehm zeigen deutlich, dass der Mensch sich selbst entwächst und zum Cyborg werden kann – ein Mischwesen aus Mensch und Maschine, wie es in Science Fiction Filmen schon längst visualisiert wurde (Prominente Beispiele sind hier James Camerons “Terminator”, Robocop und Dr. Will Caster in dem Film “Transcendence”). In der Literatur werden Mischwesen wie der Golem und der Homunkulus bereits seit Jahrhunderten beschrieben. Im 19. Jahrhundert wurde Mary Shelly’s “Frankenstein” zum Inbegriff der Menschmaschine. Sämtliche Utopien und Dystopien scheinen in der Gegenwart – oder in naher Zukunft – Realität zu werden. Vielleicht nicht in der erzählerischen Kompromisslosigkeit von Autoren und Filmemachern, dafür aber als Produkt von Vernetzungstechnik und technischem Fortschritt. Die These lautet:

Der Mensch ist nicht länger organisch, sondern kann von Menschenhand erweitert werden. Epiktet liegt mittlerweile falsch, wenn er im Eingangszitat zu der Einschätzung gelangt, dass der Mensch nicht über seinen Körper gebieten würde. Der Mensch ist zunehmend in der Lage die Vorzeichen menschlicher Normen und Fähigkeiten neu zu definieren.

Dabei ist es selbstverständlich ein Unterschied, ob einem Gehörlosen ein Cochleaimplantant auf den Schädelknochen gepflanzt wird, um seinen Gehörsinn zu reaktivieren, oder ob ein Implantant einem unversehrten Menschen zu vollkommen neuen Fähigkeiten und Sinneswahrnehmungen verhilft.

Versuche in diese Richtung laufen bereits seit langem und sind gerade für den militärischen Bereich von großem Interesse. Welche Armee hätte keine Verwendung für einen einen furchtlosen Kämpfer mit außergewöhnlichen Kräften und Fähigkeiten? Forschung und Bau von Exoskeletten, die ihre Träger mit übermenschlichen Fähigkeiten ausstatten, sind seit Jahren fester Bestandteil im US-Verteidigungshaushalt. Aber auch im zivilen Bereich wird der Cyborg als Lebensform von Transhumanisten als Realität gelebt.

Der Cyborg eV in Berlin beschäftigt sich mit den Möglichkeiten des Body Enhancements und damit mit der Suche nach Möglichkeiten zur Erweiterung und Entgrenzung des menschlichen Vermögens. Das Ende der Beschränktheit mündet hier in die Vision vom Cyborg, den Donna Harraway in ihrem Cyborg Manifesto folgendermaßen beschreibt:

Kein Objekt, Raum oder Körper ist mehr heilig und unberrührbar. Jede beliebige Komponente kann mit jeder anderen verschaltet werden, wenn eine passende Norm oder ein passender Kode konstruiert werden kann, um Signale in einer gemeinsamen Sprache auszutauschen.

Nach Harraway wird der Mensch demnach zum Cyborg, wenn er zur Schnittstelle zwischen Hard- und Software wird. Die Frage, die sich Transhumanisten stellen, ist demnach nicht die nach natürlichen Grenzen, sondern nach Grenzenlosigkeit. Der Cyborg wird zum Menschenbild. Die Mitglieder des Cyborg eV implantieren sich bereits heute Magnete und NFC Chips unter die Haut, um die Umwelt anders wahrnehmen bzw. beeinflussen zu können. Ein Magnetimplantat versetzt seinen Träger in die Lage, elektrische Leitungen in Wänden erspüren zu können und ein NFC Chip kann seinem Träger dazu dienen, seine Wohnzimmerbeleuchtung an seine aktuellen Stimmungslagen anzupassen. Auch in der Biochemie wird der Cyborg zu einem Fernziel. Die pharmazeutische Forschung setzt sich zunehmend mit dem Neuro-Enhancement auseinander. Die Einnahme von psychoaktiven Substanzen aller Art mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung steht dabei im Mittelpunkt.

Der Cyborg ist damit in letzter Konsequenz nichts anderes als die Auflösung bestehender Dualismen: Mensch vs. Tier, Mann vs. Frau, jung vs. alt, Organismus vs. Maschine, primitiv vs. zivilisiert.

Der Cyborg und die Bildung

Wenn wir uns also die Frage nach einer neuen Bildung und dem dazugehörigen Menschenbild stellen, dann ist, was sich zunächst wie Zukunftsmusik anhört, längst Realität. Mit Neil Harbisson gibt es bereits einen Menschen, der den Status “Cyborg” offiziell in seinem Ausweis vermerkt hat. Jede Studie zur Mediennutzung bringt Politik und Gesellschaft der Frage näher, ob wir nicht längst Cyborgs im transhumanistischen Sinne sind?

Längst sind es nicht mehr nur die Jugendlichen, die ständig mit dem Internet verbunden sind. Die Nutzung mobiler Endgeräte ist längst ein Massenphänomen. Wir sind zwar (noch) nicht physisch mit unseren Smartphones verbunden, aber die mentale Verbindung ist umso stabiler. Für einen jungen Menschen kann es fast nichts schlimmeres geben, als ohne ein Smartphone auskommen zu müssen. Das Internet ist eine Erweiterung von Lebenswirklichkeiten; gerade für junge Menschen. Längst hat das Netz kulturelle Bedeutung erlangt und ist als öffentlicher Raum für die Entwicklung politischer Urteilskraft ein wichtiger Faktor.

Jugendliche und junge Erwachsene unterscheiden längst nicht mehr zwischen „Real World“ und „Cyberspace“. Die Grenzen zwischen analogen und digitalen Realitäten verwischen zunehmend. Der Blogger Martin Czerski hat diese Tatsache und das damit verbundene Lebensgefühl neuer Generationen in seinem Manifest: „Wir die Netz-Kinder“ treffend in Worte gefasst:

Wir, die Netz-Kinder; die mit dem Internet und im Internet aufgewachsen sind, wir sind eine Generation, welche die Kriterien für diesen Begriff gleichsam in einer Art Umkehrung erfüllt. Es gab in unserem Leben keinen Auslöser dafür, eher eine Metamorphose des Lebens selbst. Es ist kein gemeinsamer, begrenzter kultureller Kontext, der uns eint – sondern das Gefühl, diesen Kontext und seinen Rahmen frei definieren zu können.“

Der Mensch, mit seinen mobilen Endgeräten, wird zur Schnittstelle zwischen Hard- und Software – wir sind Cyborgs oder aber auf dem besten Wege dazu welche zu werden. Der Wandel ist da und er ist längst nicht mehr digital. Die Grenzen verwischen. Diese Realität hat der NSA-Skandal deutlich gemacht und die Produktentwicklung auf Datenbasis schreitet unaufhaltbar voran. Google Glasses, NFC-Chips, RFID, GPS etc. Die neuesten Technologien für den mobilen Bereich und das Internet stellt die Gesellschaft vor völlig neue Fragestellungen. Wenn Daten- und Informationsströme zentralisiert werden, dann bilden sich auch neue Machtstrukturen, die am Ende die grundlegendste aller (netz-)politischen Fragen aufwirft, nämlich die nach Gestaltung von Demokratie und Gesellschaft selbst.

Eine (politische, soziale und kulturelle) Auseinandersetzung an und in den Grenzbereichen zwischen Analog und Digital scheint daher nicht nur zwingend notwendig, sondern ist unumgänglich. Muss das Internet tatsächlich zu einem obsoleten Bestandteil von Jugendbildungsprojekte werden? Geht es nur darum, kleinere Apps in den Bildungsalltag zu integrieren oder sollte Bildung vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels nicht viel ganzheitlicher diskutiert und gestaltet werden?

Vielleicht sollte gerade außerschulische Bildung hier gegen den Trend arbeiten und einen Raum bieten, der zunächst als Proberaum dient und auf die großen Herausforderungen der „Welt da draußen“ behutsam vorbereitet?! Das Jugendliche durch mobile Geräte in Gleichzeitigkeiten (Synchronisation von Zeiten und Räumen) leben, muss zu denken geben. Die Synchronisation zwischen dem „hier und jetzt“ und der „Weltöffentlichkeit“ schreitet voran und wird kaum aufzuhalten sein. Was aber bedeutet dieser Paradigmenwechsel, das mühelose Changieren junger Menschen zwischen Welten, für die Jugendbildung? Ist das Netz Fluch oder Segen? Müssen wir darüber reden oder es erfahrbar machen? Und inwiefern ist die Jugendbildung in der Pflicht, an den Schnittstellen zwischen Analog und Digital, Orientierung und Rahmenbedingungen für echte Auseinandersetzung und verantwortungsvolle (Netz-) Bürgerschaft zu eröffnen? Fragen über Fragen auf die dieser Artikel vielleicht keine Antworten findet, aber dafür Denkanstöße zur individuellen Beurteilung bietet.

Schreibe einen Kommentar